Der Marienkäfer
© Stürmchen

Frühlingswinde und der Käfer Gabriel

Es begann alles an einem regnerischen Morgen in den Tiefen des Lebjetztwaldes. Leiser Regen fiel bedächtig von Blättern und Ästen der Bäume auf das saftige Grün des Mooses. Der Wind strich ungestüm an Strauch und Baum vorüber, um den herannahenden Frühling zu verkünden, begleitet durch das stetige Plop Plop des Regens. Aus der tiefgründigen, noch winterlichen Stille entstand plötzlich ein reges Singen von hundert Vogelstimmen, man vernahm das Stapfen der Tiere über den noch schlüpfrigen Waldboden, den der Winter zu diesem euphorisch gemacht hatte. Vor allem aber hörte man das widerwillige Krabbeln und Tapsen von Ameisen und Käfern. Unter diesen abertausend arbeitsamen kleinen Tierchen stach besonders ein Insekt hervor, ein signalroter Käfer, mit genau sieben Punkten auf seinem Rücken. Somit der Beginn einer langen, traurigen und aufregenden Geschichte eines Marienkäfers, der soviel mehr war, wie ein kleiner, langweiliger, unphilosophischer Käfer.

Während der Regen nachließ und ein paar Sonnenstrahlen durch das dichte Dach des Waldes fielen und einen weiteren Hauch von Frühling verbreiteten, kroch ein überaus gefräßiger Käfer aus seiner winterlichen Behausung, die er monatelang mit einer ganzen Schar von Artgenossen geteilt hatte. Er war froh, endlich wieder Tageslicht sehen zu können und von seinen muffigen Kollegen wegzukommen, die es nämlich mit der Körperpflege nicht so genau nahmen und sich immer wieder über den kleinen, prallen Käfer lustig machten.

Eigentlich erwartete man, dass Marienkäfer nach ca. zwölf Monaten, aber auch nach erfolgreicher Fortpflanzung, den Löffel abgaben, doch Gabriel war da irgendwie anders. Er lebte mittlerweile seit siebenundzwanzig Jahren. Das muss man sich erst einmal vorstellen! Sein Körper war sehr groß, oval geformt und rund, um nicht zu sagen, dass er außerdem für einen Käfer wohlgenährt und daher ein wenig übergewichtig erschien. Er überschritt längst die Maximalgröße von 8 mm und bewegte sich etwas schwerfällig auf seinen sechs dürren Füßen. Sein Alter und seine Größe kamen einer Seltenheit gleich, denn nie hatte man im Lebjetztwald einen größeren Marienkäfer gesehen.

Auf dem signalroten Grund seiner Flügeldecken trug er sieben tiefschwarze Punkte. Dies sollte wohl, im Nachhinein gesehen, seine Unglückszahl werden. Der Chitin-Panzer glich ebenfalls einer beunruhigenden tiefschwarzen Dunkelheit, nur seinen Thorax zierten links und rechts zwei weiße Flecken. Alles in allem war er also ein recht kompakter, kleiner Kerl, der gelernt hatte, sich bei Gefahr tot zu stellen und in der Lage war, eine giftige, gelbe Flüssigkeit abzusondern, um seine Feinde in den Wind zu schlagen.

Ein Morgen in Gabriels Leben

Gabriel krabbelte an diesem Morgen etwas deprimiert durch die bunte Frühlingswelt. Dass er den Namen eines Erzengels trug, musste purer Zufall gewesen sein oder die Strafe seiner Mutter, als sie ihn bedenkenlos, als hässliche Marienkäferlarve, in das Unheil dieser Welt gebar. Ja, Gabriel war kein schönes Kind gewesen, aber auch seine Kindergartengenossen sahen es auf ihn tagein tagaus ab, vor allem sein Name war einer der beliebtesten Lacher, am liebsten nannten sie ihn Gabi. Diesen Spitznamen trug er Jahre lang, auch durch sein Alter war er ständig verpönt, man erwartete täglich seinen Tod. Aber dies waren nur zwei der Dinge, die in seinem Käferleben schief liefen.

Die Liebe eines Käfers

Als Gabriel um die zwanzig Jahre alt war, verliebte er sich unsterblich in eine wunderschöne Marienkäferfrau, die anfangs nichts von ihm wissen wollte. In ihren Augen musste er ein schüchterner, nicht besonders hübscher Marienkäferopa gewesen sein, so vermutete er es zumindest einige Zeit. Irgendwann gewann er doch ihre Liebe, so dachte er es jedenfalls. Seltsam war an dieser Geschichte auch, dass sie bereits genauso lange lebte, wie er. Diese Tatsache überzeugte ihn zudem, dass sie perfekt zu ihm passte und seine große Liebe sein musste. Bis sie ihn nach 7 Jahren (der Wink mit dem Zaunfall) herzlos verließ. Damit brach seine Käferwelt zusammen und übrig blieben viel Kummer, Trauer, eine Menge Scherben, Tränen und ungeklärte Dinge, nicht gesagte Worte und ungeahnte Gefühle. Gabriel lebte seither am Rande seiner Existenz, war mit den Nerven völlig am Ende. Der schlimmste Teil der Geschichte zeigte sich indem, dass diese hübsche Frau kurz nach der Trennung einen kleinen, hässlichen Lurch als Freund nahm. Gabriel konnte es nicht verstehen. Die Sonne schien täglich aufs sein gebrochenes Gemüt herab, konnte aber seine Welt nicht mehr erhellen. Sie war die Frau, die er heiraten und mit der er Kinder zeugen wollte. Wie oft versuchte er, in der langen Zeit seines Lebens, sich fortzupflanzen, doch nie klappte es, nie fand er die Frau, die ihn verzauberte, bis auf das wundervolle Geschöpf, das er verloren hatte.

Gabriel vegetierte seit dieser Zeit nur noch vor sich hin, nahm sich eine Käferfrau nach der anderen, in der Hoffnung, etwas Vergleichbares zu finden. Die Erinnerung an sie hielt in jedoch fest. So kamen neue Frauen, die ebenso schnell wieder gingen. Er weinte viel, dachte oft an Selbstmord, ging dem Käfertod ständig auf die Nerven, jammerte und jammerte.

Gabriel sprach nicht oft über sich, er war eben ein sehr verschlossener Käfer. Nie wusste man, was er dachte, was er fühlte, er verbarg alles so perfekt hinter seiner dicken Mauer, die er mit der Zeit rund um sich aufbaute. Artgenossen, die ihn mochten und ihm helfen wollten, kamen nicht an ihn heran, so sehr sie sich auch bemühten. An den Wochenenden trieb er sich in den Nachtwelten der Käfer herum und versuchte, in der Masse seinen Schmerz, seine Trauer abzuschütteln, doch dies gelang ihm nur kurze Zeit. Je mehr er dieses Netz um sich spannte, um so zerrütteter wurde auch sein Leben, schlafloser die Nächte, kälter sein Herz, blasser die Farbe seines Panzers. Alles in allem verschwand der Lebensmut aus seinem Käferherzen.

Ein Tag im Wald

Er bewegte sich mühselig durch den Wald, auf der Suche nach Blattläusen, die er am liebsten zum Frühstück verspeiste. Die Frage blieb, warum er nicht seine Flügel gebrauchte und sich wie dieser Fledermausmann durch die Lüfte schwang. Leider entsprach Gabriels Körpergewicht nicht mehr der zulässigen Höchstfluglast. So musste er sich am Boden fortbewegen, in der Hoffnung, dass er eines Tages doch ein paar Kilogramm abnahm. Also krabbelte er an einem Holunderbusch hinauf und machte sich auf die Jagd. Da Gabriel seit Larve an für Lacher gut war und er in jedes Fettnäpfchen trat, dass ihm unterkam, ist es auch an jenem Tag nicht weiter verwunderlich gewesen, dass ihm ein Missgeschick passierte. Als er nämlich wie gewohnt versuchte, den Busch zu erklimmen, rutschte er, an einem noch vom Regen glitschigen Ast, ab und donnerte kläglich, wie ein schwerer Stein, mit einem Krachen zu Boden, wo er, laut Augenzeugenberichten, sehr hart aufschlug. Das Gegacker schallte rings um ihn herum, wie eine Welle, die sich mit ihrer ganzen Gewalt an steinernen Klippen bricht und die Gischt als leiser Regen wieder hinunterprasselt.

Da lag er nun, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Na ja, wohl eher wie ein korpulenter, großer Käfer auf dem Rücken, der wie wild mit seinen Beinen zappelte. Da war sie wieder, Gabriels Pechsträhne. Alleine kam er nicht mehr auf die Füße und die Käferkolonie musste den allgemeinen Waldkranwagen herbeischaffen, um Gabriel wieder auf festen Grund zu stellen. Diese Geschichte würde wohl keiner so schnell im Lebjetztwald vergessen. Als Gabi endlich wieder auf seinen sechs Füßen stand und verwirrt in die Runde blickte und von unzähligen Augen beäugt wurde, beschämt trollte er sich da. Der Hunger, der ihn den ganzen Morgen geplagt hatte, war ihm längst vergangen. Mit hängenden Fühlern schlich er zu seinem Unterschlupf zurück, der sehr dicht an die immergrüne Lichtung ansiedelte. Ein gefährliches Versteck, so nah an freier Fläche, hier konnte er jederzeit von einem Vogel erwischt werden. "Aber was soll's?", dachte Gabriel bei sich, der Großteil des Waldes und der Käferkolonie erwartete sowieso seinen baldigen Tod, warum sollte er ihn, wie sonst auch, nicht gleich herausfordern, dann würde man vielleicht endlich Ruhe geben.

Der Rückweg blieb ruhig, ohne weitere Zwischenfälle. Der gebeutelte Käfer machte es sich in seinem kleinen Nest gemütlich und beobachtete die Welt ringsum. Schmetterlinge flatterten, wie betrunken durch den frischen Nektar der Blumen, durch die Luft und genossen die warme Sonne auf ihren Flügeln, die so perfekt erschienen. Ein Trupp Ameisen marschierte vorbei und grüßte den Marienkäfer freundlich, als sei zuvor nichts gewesen. Vielleicht war es auch besser so, zumindest ganz in Gabriels Interesse. Eine Ricke äste bedächtig auf der grünen Wiese. Wahrscheinlich verbarg sich irgendwo im Dickicht am Waldrand ihr junges Kitz und wartete gehorsam auf ihre Rückkehr.

Der Wald schien unberührt von der Außenwelt, wie eine verlassene, kleine Insel in einer unheilvollen Welt. Gabriel sinnierte vor sich hin, wofür gab man Mensch und Tier eigentlich Namen? Warum waren Rehe, Rehe, Käfer, Käfer oder Vögel, Vögel? Jedes Lebewesen hätte doch bei seiner Geburt eine fortlaufende Nummer bekommen können. Warum also so umständlich das Ganze? Auch Gabriel hätte eine bekommen können, was war sein Name schon? Nicht mehr wie der Abklatsch eines Erzengels, der er nicht war. Der Name Gabriel beschrieb weder seinen Charakter, die Art, wie er lebte oder sonstige Dinge, die irgend etwas über ihn hätten aussagen können. Früher hatte er es nicht leicht gehabt, bekam daher nach und nach ein dickes Fell und drehte oft den Spieß um, quälte Lebewesen, die schwächer waren als er, dabei verdrängte er die Gewissensbisse, er hatte es selbst ja nicht leicht damals.

Ständig überwogen Erinnerungen, vor allem schöne, an die er gerne zurückdachte, gleichzeitig aber mit einem heißen Stich im Herzen, weil er sie vermisste, die Frau, die er immer noch liebte. Mittlerweile schien ihm alles zu entgleiten, die Dinge begannen aus den Fugen zu geraten. Auch das Gefühl von Kontrolle verschwand immer mehr. Das Leben hatte ihn dahingerafft und zu dem gemacht, was er mittlerweile war, ein alter, gebrochener, roter Käfer. Bei diesen Gedanken flüchtete sich der klägliche Rest seiner Seele, wie auf ein stilles Kommando, in die für ihn gewohnte Melancholie und eine unsichtbare, schwarze Wolke verdunkelte den sonnigen Himmel, während eisige Kälte schleichend über sein großes Käferherz hereinbrach. Ein paar Tränen kullerten über seine prallen Wangen und tropften in die Leere seiner Behausung. Aufgeschreckt durch ein lautes Knurren, was wohl in seinem Magen begründet war, schaute er wieder nach draußen, umhüllt von Dunkelheit. Der Abend hatte sich um Wald und Lichtung gelegt, man hörte nur das Surren von frischgeschlüpften Maikäfern, die nach langem Schlaf berauscht durch die Abendluft flogen. Gabriel beschloss, dass es an der Zeit war, auf nächtlichen Streifzug zu gehen und zwar ohne gewisse Malheure, vielleicht sollte er auch erwägen, in dieser Nacht auf dem Waldboden nach Futter zu suchen. So machte er sich nachdenklich und etwas mürrisch auf den Weg.

Auf dem Weg zum Nachtmahl

Gabriel hatte das Gefühl, den würzigen Geruch des Sommers zu riechen und das Zirpen der Grillen zu hören, während er, in einem monotonen Marsch, durch die Nacht tappte. Allerdings war es für diese geliebten Geräusche noch viel zu früh und er musste sie sich wohl eingebildet haben. Der Himmel war klar und die Sterne glitzerten, wie viele kleine, verschiedene, bunte Punkte, so ähnlich, wenn man die Augen schließt. Irgendwo in der Dunkelheit hörte man eine Eule rufen. Daraufhin spazierte ein bekanntes Sprichwort durch das kleine Käferhirn: "Was dem einen seine Eule ist, ist dem anderen seine Nachtigal." Was der eine schön findet, findet der andere hässlich usw. So war es wohl auch mit ihm. In letzter Zeit zeigte kaum noch eine Frau an ihm Interesse oder hatten Angst vor ihm, auch wohl wegen seines Alters, er war ihnen unheimlich, so vermutete er. Ihm fielen noch einige solcher Dinge ein, über die er Vermutungen anstellte. Irgendwann begann er die Bedeutung von seltsamen Worten zu analysieren. Hauptsächlich beschäftigte er sich damit, um den Weg zu seinem nächtlichen Mahl etwas interessanter zu gestalten, aber auch, um nicht total abzustumpfen in seiner Einsamkeit. Gabriel hatte auch immer ein kleines Wörterbuch dabei, um darin herumzublättern, wenn er sich langweilte. Manchmal fielen ihm auch gewisse Worte nicht ein, sodass er sich sprachlich nicht auszudrücken vermochte. Also blätterte und studierte er, in der Hoffnung, dass er ein interessantes Wort fand.

Die Nacht schien stumm und er hörte bereits das Klacken seiner Gedanken. So beschloss er, es vorerst gut sein zu lassen. Glühwürmchen surrten wie geisterhafte Lichtpunkte vorbei, dass er von ihrem Anblick etwas benommen wurde. Schon hatte er das passende Wort gefunden, Glühwürmchen. Wie helle Sterne am Boden sahen sie aus, nur leider konnten sie nicht ganz so interessant funkeln. Nüchtern betrachtet, waren es Weichkäfer mit Leuchtorganen. Wie konnte es solche wundervollen Tiere geben? Gabriel verstand es nicht, da er seiner Ansicht nach ein so dermaßen langweiliger Käfer war. Glühwürmchen mussten Gottesgeschöpfe sein, mit höherer Bedeutung. Die eigentliche Erklärung war ihm zu simpel und zu deprimierend. Für die rotzfrechen Lampenhalter war dies nämlich die sicherste Methode, um guten Sex zu bekommen und bestenfalls noch Bälger in die Welt zu setzen. Warum hatte man bei ihm bloß so etwas nicht eingebaut? Er strampelte sich seit Jahr und Tag ab, doch nichts Vergleichbares gelang ihm. Wobei die Sache mit den Glühwürmchen nicht mit rechten Dingen zu ging. Das Leuchten war nur durch eine chemische Reaktion möglich, erzeugt durch sogenanntes Luciferin und Sauerstoff. Wie sagt man so schön, der Teufel steckt im Detail. Na bitte! Was sollte es auch anders sein, als teuflische Machenschaften.

Gabriel schlug wütend nach einem Pulk von Leuchtkäfern, die darauf ängstlich auseinander stoben. Er stapfte schlechtgelaunt weiter, immer mit seinem Ziel, dem Nachtmahl, vor Augen.

Mittlerweile knurrte sein Magen bedenklich. Auf einer versteckten Lichtung, in der Nähe des Waldrandes, gab es einige Rosensträucher. Dort, so hoffte er, ließen sich ein paar Blattläuse finden. Während er so dahinschlenderte, kam Gabriel an einer Gruppe bemooster Felsen vorüber. Plötzlich hörte er eine durchdringende, ziemlich erboste Frauenstimme. Irgendwoher schien er sie zu kennen. Er flog still an der grünen Wand nach oben und lugte vorsichtig über den Rand auf die Plattform, um zu sehen, was dort vor sich ging. Kein Zweifel, hinter der wüsten Stimme verbarg sich doch wahrhaftig Marla.

Marla

Marla (Smaragdesthes africana oertzeni) gehörte mit 15 mm zu den relativ großen Käfern, vor denen sich gerade Gabriel hätte in Acht nehmen sollen. Er war ihr bereits zu früheren Zeiten einmal durch Zufall begegnet. Damals hatte sie ihm die Hölle heiß gemacht, weil er in Unbedachtheit ihren Weg kreuzte.

Marlas harten Panzer zierte eine wunderschöne lila-schillernde Farbe, damit sah sie sehr edel aus und war einzigartig im Lebjetztwald. Sie glich dadurch mehr und mehr einem Paradiesvogel, doch der Charakter musste irgendwann auf der Strecke geblieben sein. Gabriel mochte sie daher auch nicht.

Marla erzählte ebenfalls überall im Wald, dass sie als Kind mit ihrer Familie aus Afrika auswanderte, um in der weiten Welt ein neues Zuhause zu finden. Nach langen Reisen, verschlug es sie in dieses ruhige Wäldchen. Das erzählte man sich zumindest. Gabriel glaubte allerdings, dass sie als Terrarienkäfer gelebt hatte und dass irgendein Mensch sie wohl schließlich aussetzte, weil er die Schnauze von ihren Allüren voll hatte. Marlas Alter bekräftigte ihn dabei ebenfalls. Denn keiner wusste so genau, wie alt sie war, jedoch überschritt sie die übliche Lebenserwartung. Gabriel tat das auch, aber er war davon überzeugt, dass das die Strafe Gottes sein musste.

Marla nervte ihn und er hasste sie, seitdem er sie kannte. Außerdem hegte er den Verdacht, dass eine Koexistenz mit ihr in diesem Wald einfach nicht möglich war. Früher einmal hatte er im Kino der Menschen diese Frau gesehen, mit ihr assoziierte er Marla. Im Film ging es um einen Klub, in dem man sich ohne Unterlass prügeln konnte, es hatte wohl irgendwas mit Seife zu tun. Die Frau war dermaßen verlottert gewesen, rauchte eine Kippe nach der anderen und hatte dieses perfekte Schlampenimage. Ihr Bild hatte sich seither in seinem Kopf festgebrannt.

Nun stand Marla dort auf der Plattform und maulte gerade einen ganzen Trupp Ameisen an, der, wie auch Gabriel versehentlich, ihren Weg gekreuzt hatte. Ihre krätzige Stimme dröhnte in seinen Ohren. Gerade als er sich umwand, um sich schleunigst vom Acker zu machen, bemerkte sie ihn als eine willkommene Abwechslung. Was folgte, war eine Tirade von Beschimpfungen der übelsten Art. Die Ameisen machten unterdessen kehrt, Richtung Waldinneres, wo sie unbeachtet im Schutz der nächtlichen Dunkelheit verschwanden.

Eine seltsame Unterhaltung

"Ach, erfrischend oder?", fragte Marla. "Was meinst Du damit?", fragte Gabriel verwundert. "Na, die blöden Ameisen zu erschrecken. Hast Du nicht gesehen, was die für eine Angst hatten?" Gabriel war sprachlos. "Ach, Gabriel, jetzt schau nicht so verdutzt. Das war nur zu meinem Vergnügen, ich tue einem alten, gebrechlichen Käferopa schon nichts!" Gabriels Panzerfarbe wurde plötzlich tief rot und Wut stieg in ihm auf. Wortlos machte er kehrt und flog von der Plattform hinunter und ging weiter seinen Weg. Sie hatte ihn an der Nase herumgeführt und er hatte es nicht gemerkt. Die sollte ihm noch einmal begegnen.

Marla blieb verdutzt zurück. Die Reaktion hatte sie nicht erwartet. In ihrem tiefsten Herzen mochte sie Gabriel. Sie war auch davon überzeugt, dass sich in diesem verkümmerten Käferherzen noch sehr viel mehr verbarg, als diese nicht enden wollende Traurigkeit. Mit einem Seufzen ging sie in die Richtung, in die Ameisen verschwunden waren. Es tat ihr nun ein bisschen Leid. Eigentlich hatte sie sich mit Gabriel nett unterhalten wollen, sie war einsam, aber er war manchmal einfach so von seinem Kummer zerfressen, dass eine sinnvolle Unterhaltung nicht möglich war. Sie sah ihn zwar nicht oft, aber ein nächstes Mal würde es sicher bald geben.

Das Nachtmahl

Gabriel stapfte wütend und schnaubend durch den Wald. Ja, er hasste Marla aus tiefstem Herzen. Sie bestätigte ihr Image mal wieder vollkommen. Schnell weit weg, das war sein Gedanke gewesen. Endlich erreichte er die Rosensträucher und er sah mit Wohlwollen, dass sich an den Stängeln die Blattläuse in Hülle und Fülle tummelten. Eigentlich musste er nun nur noch hinauf klettern und genüsslich das Maul öffnen. Sie würden schon den richtigen Weg in seinen Magen finden.

Er krabbelte am nächstbesten Stängel empor und so wie er sich das vorgestellt hatte, so war es auch. Diesmal fiel er nicht vom Strauch herunter, sondern rollte wieder herunter. So gefüllt und gesättigt war er. Zufrieden machte er sich auf den Heimweg, um endlich die verdiente Nachtruhe zu halten.