Ein Tag im Wald
Er bewegte sich mühselig durch den Wald,
auf der Suche nach Blattläusen, die er am liebsten zum
Frühstück verspeiste. Die Frage blieb, warum er nicht
seine Flügel gebrauchte und sich wie dieser Fledermausmann
durch die Lüfte schwang. Leider entsprach Gabriels
Körpergewicht nicht mehr der zulässigen
Höchstfluglast. So musste er sich am Boden fortbewegen, in der
Hoffnung, dass er eines Tages doch ein paar Kilogramm abnahm. Also
krabbelte er an einem Holunderbusch hinauf und machte sich auf die
Jagd. Da Gabriel seit Larve an für Lacher gut war und er in
jedes Fettnäpfchen trat, dass ihm unterkam, ist es auch an
jenem Tag nicht weiter verwunderlich gewesen, dass ihm ein Missgeschick
passierte. Als er nämlich wie gewohnt versuchte, den Busch zu
erklimmen, rutschte er, an einem noch vom Regen glitschigen Ast, ab und
donnerte kläglich, wie ein schwerer Stein, mit einem Krachen
zu Boden, wo er, laut Augenzeugenberichten, sehr hart aufschlug. Das
Gegacker schallte rings um ihn herum, wie eine Welle, die sich mit
ihrer ganzen Gewalt an steinernen Klippen bricht und die Gischt als
leiser Regen wieder hinunterprasselt.
Da lag er nun, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Na
ja, wohl eher wie ein korpulenter, großer Käfer auf
dem Rücken, der wie wild mit seinen Beinen zappelte. Da war
sie wieder, Gabriels Pechsträhne. Alleine kam er nicht mehr
auf die Füße und die Käferkolonie musste
den allgemeinen Waldkranwagen herbeischaffen, um Gabriel wieder auf
festen Grund zu stellen. Diese Geschichte würde wohl keiner so
schnell im Lebjetztwald vergessen. Als Gabi endlich wieder auf seinen
sechs Füßen stand und verwirrt in die Runde blickte
und von unzähligen Augen beäugt wurde,
beschämt trollte er sich da. Der Hunger, der ihn den ganzen
Morgen geplagt hatte, war ihm längst vergangen. Mit
hängenden Fühlern schlich er zu seinem Unterschlupf
zurück, der sehr dicht an die immergrüne Lichtung
ansiedelte. Ein gefährliches Versteck, so nah an freier
Fläche, hier konnte er jederzeit von einem Vogel erwischt
werden. "Aber was soll's?", dachte Gabriel bei sich, der
Großteil des Waldes und der Käferkolonie erwartete
sowieso seinen baldigen Tod, warum sollte er ihn, wie sonst auch, nicht
gleich herausfordern, dann würde man vielleicht endlich Ruhe
geben.
Der Rückweg blieb ruhig, ohne weitere
Zwischenfälle. Der gebeutelte Käfer machte es sich in
seinem kleinen Nest gemütlich und beobachtete die Welt
ringsum. Schmetterlinge flatterten, wie betrunken durch den frischen
Nektar der Blumen, durch die Luft und genossen die warme Sonne auf
ihren Flügeln, die so perfekt erschienen. Ein Trupp Ameisen
marschierte vorbei und grüßte den
Marienkäfer freundlich, als sei zuvor nichts gewesen.
Vielleicht war es auch besser so, zumindest ganz in Gabriels Interesse.
Eine Ricke äste bedächtig auf der grünen
Wiese. Wahrscheinlich verbarg sich irgendwo im Dickicht am Waldrand ihr
junges Kitz und wartete gehorsam auf ihre Rückkehr.
Der Wald schien unberührt von der
Außenwelt, wie eine verlassene, kleine Insel in einer
unheilvollen Welt. Gabriel sinnierte vor sich hin, wofür gab
man Mensch und Tier eigentlich Namen? Warum waren Rehe, Rehe,
Käfer, Käfer oder Vögel, Vögel?
Jedes Lebewesen hätte doch bei seiner Geburt eine fortlaufende
Nummer bekommen können. Warum also so umständlich das
Ganze? Auch Gabriel hätte eine bekommen können, was
war sein Name schon? Nicht mehr wie der Abklatsch eines Erzengels, der
er nicht war. Der Name Gabriel beschrieb weder seinen Charakter, die
Art, wie er lebte oder sonstige Dinge, die irgend etwas über
ihn hätten aussagen können. Früher hatte er
es nicht leicht gehabt, bekam daher nach und nach ein dickes Fell und
drehte oft den Spieß um, quälte Lebewesen, die
schwächer waren als er, dabei verdrängte er die
Gewissensbisse, er hatte es selbst ja nicht leicht damals.
Ständig überwogen Erinnerungen,
vor allem schöne, an die er gerne zurückdachte,
gleichzeitig aber mit einem heißen Stich im Herzen, weil er
sie vermisste, die Frau, die er immer noch liebte. Mittlerweile schien
ihm alles zu entgleiten, die Dinge begannen aus den Fugen zu geraten.
Auch das Gefühl von Kontrolle verschwand immer mehr. Das Leben
hatte ihn dahingerafft und zu dem gemacht, was er mittlerweile war, ein
alter, gebrochener, roter Käfer. Bei diesen Gedanken
flüchtete sich der klägliche Rest seiner Seele, wie
auf ein stilles Kommando, in die für ihn gewohnte Melancholie
und eine unsichtbare, schwarze Wolke verdunkelte den sonnigen Himmel,
während eisige Kälte schleichend über sein
großes Käferherz hereinbrach. Ein paar
Tränen kullerten über seine prallen Wangen und
tropften in die Leere seiner Behausung. Aufgeschreckt durch ein lautes
Knurren, was wohl in seinem Magen begründet war, schaute er
wieder nach draußen, umhüllt von Dunkelheit. Der
Abend hatte sich um Wald und Lichtung gelegt, man hörte nur
das Surren von frischgeschlüpften Maikäfern, die nach
langem Schlaf berauscht durch die Abendluft flogen. Gabriel beschloss,
dass es an der Zeit war, auf nächtlichen Streifzug zu gehen
und zwar ohne gewisse Malheure, vielleicht sollte er auch
erwägen, in dieser Nacht auf dem Waldboden nach Futter zu
suchen. So machte er sich nachdenklich und etwas mürrisch auf
den Weg.