Nebenbei
© Stürmchen

Schach

Der Tod und das Schicksal verrücken gerade auf dem Spielfeld die Figuren und ordnen sie neu. Auch ich werde auf ein neues Feld gesetzt, verbunden mit großen Hoffnungen. Aber es beruhigt mich zu wissen, wer von beiden mein Spielpartner ist. Normalerweise ist es so, dass das Schicksal über das Feld entscheidet und wenn es schlecht aussieht, führt der Tod es aus. Aber wir wissen ja, dass Tods Beruf nicht der einfachste ist und so verfällt er wie meistens auch heute ins Grübeln und spricht von seinem Leid, mal wieder. Jedoch ist es anders, weil er in letzter Zeit ziemlich müde und erschöpft aussieht, trotz Romanze. Und nachdem er nun eine Weile herumdruckst, sagt er, dass er Opfer eines Stalkers geworden ist. Ja, wie jetzt? Na ja, von jemandem der unbedingt sterben will, aber es ist einfach noch nicht Zeit, es ist noch nicht soweit. Denn Tod belohnt niemanden für seine Feigheit, er bestraft die Menschen höchstens mit ihren Bürden und davon ist das Leben wohl bislang die größte. Jetzt wird Tod ständig in der Nacht gerufen, aber es ist ja noch nicht Zeit und er findet kaum noch Schlaf. Er wird rund um die Uhr belästigt. Das Einfachste wäre, diesen Menschen sterben zu lassen, aber Tod hat seinen Stolz und er kann das mit seinem Gewissen nicht vereinbaren. Vor allem weil er diesen Menschen beneidet, er darf leben und Tod nicht, er darf sterben und Tod nicht. Aus diesem Grund allein würde er es schon niemals zulassen. Aber was macht man mit einem Menschen, der sich nicht will und der Tod ihn auch noch nicht will. Es geht nicht, es ist noch nicht Zeit, und aus dem Hintergrund hört man den Troll: "Erbärmlich, einfach nur erbärmlich!"

Der Stalker

Und während der Tod die ganze Geschichte des Stalkers weiterfolgt, fällt ihm immer mehr auf, dass er an seiner knochigen nichtvorhandenen Nase herumgeführt wird. Denn alle Anflehungen betreffender Person scheinen immer mehr als nichtig. Er schaut sich das Leben an und liest die Worte, die plötzlich wieder fließen. Aber ist das die Wirklichkeit? Zum Teil vielleicht, denn die meisten sind vergangen und werden aus alten Augenblicken neuaufgerollt und zusammengestellt veröffentlicht. Der Tod ist traurig über so viel Heuchelei, ist traurig über die selbstgebastelte Lügenwelt. Die völlig unreal erscheint, und das jeden Tag ein wenig mehr. Tod sitzt betrübt in einem seiner Ohrensessel, das Schicksal ist ihm nicht egal, aber es spricht: "Was soll's? Nur ein weiterer Verlust, den die Welt und auch die Menschheit ohne Weiteres verkraften kann." Können sie das wirklich? Nein, denn sie werden im Nachhinein die Leidtragenden sein. Mit jedem Menschen verschwindet nicht nur sein Körper, es verschwinden auch Teile beim Sterben eines anderen, einen Teil der Seelen nimmt er mit sich mit. Ohne es zu wissen, ohne einmal darüber nachzudenken, über Folgen, über entstehende Schmerzen. "Aber das ist das, was man Egoismus nennt.", sagt sich der Tod. Und wie die Knochin neulich treffend sagte: "Sehr gute Worte, die du da sprichst. Genau wie der Tod, kannst auch du nichts ausrichten, auch wenn es schmerzt und verletzt." Ja, seine liebe Freundin hat da vollkommen recht und aus diesem Grund liebt er sie ja auch, weil sie in jeder Lebenslage die passenden Worte findet. Tod schaut aus dem Fenster und sieht zwei weiße Hunde, die im gefallenen Schnee unsichtbar erscheinen. Dann seufzt er und denkt, wie gerne auch er manchmal unsichtbar für die Sterbenden wäre, aber jetzt ist auch er zu feige und geht heute seinem Beruf aus dem Weg...

Alles eine Sache des Stils

Obwohl das eigentlich nicht auf seinem Knochenhaufen gewachsen ist, in Anbetracht der Tatsache, dass er als Tod aussieht wie das reinste Elend und in Anbetracht der derzeitigen Missstände, hat die Knochin ihm einen Termin bei einer Stilberatung gemacht. Aber was soll man am Tod bloß noch verschönen? Die Knochin meinte, dass es an der Zeit wäre, ihn Tageslicht tauglich zu machen. Selbst der Sturm hat seit gestern eine neue Frisur und zwar eine die vollkommen seinem Namen und seinem ganzen Wesen entspricht. Aber Tod und Haare? Zwei Gegensätze, die sich einfach nicht anziehen. Nun kommt sie gleich und schleppt ihn dahin. Er kann sich schon vorstellen, wie das wird. An seiner Kutte wird sicher herum operiert, seine hübschen Wangenknochen werden in Szene gesetzt und so weiter. Das Ross musste es letztlich auch über sich ergehen lassen und war davon so gar nicht begeistert. Aber der Wolf fand es äußerst schnuffig. Tod ist zwar ein Schöngeist, aber so einer? Kopfschüttelnd schaut er wieder nach draußen, er vermisst seinen blühenden Garten, hat genug vom Winter und will endlich wieder "leben". Dann denkt er, was einem eigentlich die Einsamkeit bringt, sein bisheriges zurückgezogenes Leben. Seit die Knochin da ist, hat er wieder mehr Hoffnung irgendwann ein normales, geregeltes Leben zu haben. Der Stalker weiß überhaupt nicht, was er an seinem Leben hat. Was würde Tod alles dafür geben. Und mit einem Knall schmeißt die Knochin die Tür auf.

"Einen wunderschönen guten Tag mein Knochenmann!", ruft die Knochin dem Tod fröhlich entgegen. Bevor Tod zu Wort kommt: "So, jetzt husch Dich mal, wir müssen los, sonst kommen wir zu spät.", damit fasst sie den Tod an der zerbrechlichen Hand und schleift ihn nach draußen. Beide nehmen auf dem Rücken des Rosses Platz und auf geht's. Während sie so dahin traben, herrscht Stille auf dem Pferderücken, denn dem Tod ist immer noch nicht ganz wohl bei der Sache. Aber da sind sie auch schon angekommen. Das Haus, in dem die Stilberatung Platz gefunden hat, ähnelt eher einer Spielhalle, als einem Schönheitssalon. Vor allem die vielen wechselnden Lichter und Reklamen erinnern eher an Las Vegas. Kaum hat der Tod einen Fuß über die Schwelle gesetzt, reißt man ihm schon die zerfetzte Kutte vom Leib. Er bedeckt gerade noch das Nötigste, obwohl das eigentlich nicht erforderlich ist, denn die knochige Nacktheit ist nicht unbedingt sehenswert. Tod entschuldigt sich mit hochroten Wangenknochen, dass er doch bitte einen Mantel bekommt, da ihm doch etwas kühl ist. Jedoch erntet er da vom Personal nur ein paar schelmische Blicke, Tod kann nicht frieren. Dann seufzt er und setzt sich widerwillig auf einen Stuhl und lässt seine Verwandlung kommentarlos über sich ergehen. Die Knochin steht währenddessen erwartungsvoll im Hintergrund. Kaum kann sie ihren Stolz und ihre Zuneigung für diese imposante Erscheinung ihres Zukünftigen verbergen. Zumal ihr Sonnenscheinlächeln immer ausgeprägter wird und die Gesichtszüge schon gar mehr nicht wissen, wohin sie noch sollen.

Während die Stilberater um ihn herum wuseln, ist Tod mittlerweile wieder in einer nachdenklichen Stimmung. Der Stalker geht ihm immer noch nicht aus dem Kopf. Denn so langsam werden dessen Probleme zu seinen. Er vernachlässigt dadurch die Knochin, seinen Beruf, das Ross und seine haushalterischen Pflichten, weil er ständig vor sich hin grübelt. Bevor er sich versieht, ist er auch schon fertig verwandelt. Make Up trägt er jetzt, jedoch nur dezent, aber man sieht es. Eine neue frische Kutte hat er bekommen, mit Glitzersteinchen besetzt. Er sieht richtig edel aus. Außerdem darf er nun eine neue überaus handliche Sense sein Eigen nennen. Richtig scharf ist die und nicht so wuchtig wie die alte, aber für nichts würde er Irmgard hergeben. So heißt die Sense nämlich. Meist nennt er sie nur kurz seine kleine Irmi oder einfach Irmchen. Sie hat ein Maul wie ein Schwert, wenn sie mit Tod ihren Beruf ausübt. Ein echt scharfes Gestell sozusagen. Obwohl Irmi in all den Jahrhunderten treue Dienste geleistet hat, verdient sie doch nun ein wenig Urlaub und soll sich erst einmal eine schöne freie Zeit machen. Worüber sich der Tod jedoch Sorgen macht, sind seine frischlackierten Zehen- und Fingernägel. Er schaut schon fast flehend zur Knochin, die ihm allerdings verschmitzt und entzückt zu blinzelt. "Sowas nennt man metrosexuell, gerade der selbstbewusste Mann sollte mit Bedacht auf sein Äußeres achten.", sagt sie. Ah ja, so nennt man das heutzutage also. Na ja, für eine Weile kann man so herumlaufen, just for fun halt. Das wird jedoch nicht zur Normalität werden, da ist Tod sich sicher und er duftet jetzt, dass es kaum zum aushalten ist. Sehr zum Gefallen der Umstehenden, die finden ihn nämlich jetzt total sympathisch und rufen ihm beim Gehen noch hinter her, dass er doch bald wieder kommen soll. Ein Wellnesswochenende zum Entspannen würde ihm sicher gut tun bei all dem Stress, den er hat. Hochgewachsen, elegant und stattlich ist er jetzt, unser netter Gevatter Tod.

Beruf: Tod

Kaum Zuhause angelangt, verabschiedet sich die Knochin mit einem stürmischen Kuss und macht sich schon wieder auf zu ihren nächsten Terminen. Tod scheint wirklich manchmal etwas überfordert, er ist es einfach nicht gewohnt mit lebhaften, mitreißenden Personen zusammen zu sein. Aber er liebt sie, jeden einzelnen Knochen an ihr. Während er sich versunken ins Haus begibt, fallen dem gesamten Haus mit seinem ganzen Innenleben die Augen aus dem nicht vorhandenen Kopf. Tod bemerkt es verwundert und fragt, was denn ist. Die Einrichtung steht stumm in der Vorhalle und beäugt das, was dort vor ihnen steht. Der Tod blickt in die Runde, grummelt und raunt in einem scharfen Ton: "Kein einziges Wort bitte, kein einziges Wort!" Belustigt und mit einem aufgeregten Tuscheln trabt die Einrichtung zu ihrem Platz davon. Der Tod seufzt, als hätte er es nicht geahnt. Er begibt sich in sein Schlafgemach, da hat er wenigstens seine Ruhe. Grübelnd steht er dort am Fenster und schaut in den Garten. Der Frühling dingt sich mittlerweile zaghaft ein und lange schon diskutiert er mit sich selbst das Für und Wider einer Terrasse. Entweder auf dem Dach, am Haus direkt mit Weg in den Garten. Bisher hat er es noch niemandem erzählt, aber es spukt seit längerem in seinem Schädel herum. Wenn er Urlaub hat, bzw. was sehr selten vorkommt, wenn er eine euphorische Vertretung für seinen Beruf findet, dann möchte er relaxen, ausspannen in der Sonne, die er zwar nicht spüren kann und den Sommer, den er nicht riechen kann, aber das alles ist da und wartet auf ihn.

Vielleicht sollte er wirklich bald Urlaub machen. Er fühlt sich momentan nicht gegenwärtig, sein Kopf ist nicht frei, sein Beruf fällt ihm immer schwerer, auch oder vor allem seit der Sache mit dem Stalker. Und da sind sie wieder, die Gedanken an ihn. In den letzten Tagen ist er ihm penetrant aus dem Weg gegangen, nicht hören, nicht fühlen, nicht riechen, nicht schmecken. Mal abgesehen davon, dass er das sowieso nicht kann. Tod ist nicht verantwortlich für das Tun anderer und er kann auch nicht deren Lasten auf seinem Rücken mit sich herumschleppen. Zumindest hat er sich mit Schicksal darauf geeinigt, dass es noch nicht Zeit ist. Schicksal hat zwar mit den Schultern gezuckt, aber Tod wüsste ja, was er tut. Weiß er das denn wirklich? Weiß Tod das, was er tut? Ist es richtig Menschen sterben zu lassen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, ist es richtig die weiter leben zu lassen, die eigentlich nichts mehr auf der Erde zu suchen haben, die andern dauernd Schaden zu fügen? Tod hasst sich in diesem Moment selbst für seine Gedanken, so sollte er nicht denken und so sollte er auch nicht sein. Früher hatte er schon Probleme mit seinem Beruf, obwohl er nicht fühlen kann, aber mittlerweile nimmt das ungeahnte Ausmaße an. Dabei will er doch nur helfen, das Sterben leichter machen. Je länger er jedoch darüber nachdenkt, hat er in der letzten Zeit damit meist das Gegenteil erreicht. Alles ist schlimmer geworden. Nicht, dass er Fehler machen würde, aber er ist zu nachsichtig und zu rücksichtsvoll. Wenn der Stalker sterben will, bitte. Jedoch alles zu seiner angebrachten Zeit. Deswegen hat er seine Todessucht momentan im Ignoremodus, d.h. er kann noch so oft versuchen sich umzubringen, es wird ihm allerdings nichts nützen. Tod hat ein schlechtes Gewissen bei der Sache und die Menschen um diesen herum tun ihm auch Leid, soweit er das so empfinden kann. Aber es ist einfach noch nicht Zeit. Dabei denkt er, dass das ziemlich makabere Gedanken sind. Doch er ist der Tod, was soll er machen....

Er besieht sich seine bunten Fingernägel und fragt sich: "Tod oder doch mittlerweile Modepuppe?". Jetzt ist er schon so alt und eigentlich müsste er weise sein, mit nichts mehr zu erschüttern und mit allen Wassern gewaschen. Das Leben ist ihm noch immer so unklar, wie ein tiefer, trüber, sumpfiger Teich. In den er zwar hineinsehen kann, sich jedoch nur selbst in dieser Dreckbrühe widerspiegelt. Ist er so sumpfig und dreckig etwa? Als er noch ein Kind war und man hoffte, er würde im Stimmbruch seine etwas tiefe Stimme verlieren, verbrachte er viel Zeit in Geisterbahnen, um den grausigen Figuren dort seine Stimme zu leihen und um damit die Kinder zu erschrecken. Geld bekam er jedoch nicht dafür, den Tod bezahlt man nicht. Damals hat er schon Angst verbreitet, die Menschen das Fürchten gelehrt. Er wollte es nie, doch man sagte, es sei eine Gabe. Was ist denn der Tod für eine Gabe, der stets Unheil mit sich bringt? Einmal als Teenager hat Tod einen Psychiater aufgesucht, danach wurde der Psychiater für geisteskrank erklärt und in eine Anstalt eingeliefert. Dabei wollte Tod sich doch nur helfen lassen. Nach diesem Erlebnis hielt er sich seit jeher von allem Menschlichen fern. Er lebte sein Leben in der Einsamkeit, bis zu dem Sommerabend, als ihm der Sturm begegnete, wie er so zerstreut und trübsinnig auf der Bank gesessen hatte. Der Sturm hatte ihn nie gefragt, ob es an diesem Abend Zeit war zu sterben. Eigentlich ist es das auch nicht gewesen. Tod kam nur zufällig vorbei, doch war da etwas, das ihn damals innehalten und sich niedersetzen ließ. Er sah das Vertrauen des Sturms, die Bürde, die er trug und immer noch trägt. Der Tod weiß, dass der Sturm nicht zögern würde, wenn er ihm seine Bitte nach Menschlichkeit offeriert. Er würde mit Sicherheit das Leben gegen den Tod tauschen. Aber es ist noch nicht Zeit und seine Aufgabe ist eine andere.

Faszinierende Technik, Urlaub und andere Gedanken

Klappernd setzt sich Tod in Bewegung und schreitet zu seinem Arbeitstisch, den er vor kurzem aus der Bibliothek in sein Schlafgemach an eines der Fenster in die Helligkeit gerückt hatte. Seit Neuestem hat er auch einen Computer, ja unglaublich das, Tod hat Internet. Alles was damit zu tun hatte, war solange uninteressant, bis er die Chat - Funktion entdeckte. Was er aber tunlichst der Knochin verschwieg, denn er machte, natürlich nur durch Zufall, so seine Erfahrungen mit heißen Unterweltgirls. Die wollten sich mit ihm treffen und ihn bekehren. Tod sein wäre ja so cool. Sie verehrten ihn schon fast wie einen Gott. Anfangs hatte er sich geschmeichelt gefühlt, aber als sie begannen ihn dermaßen zu bedrängen, zog er sich immer mehr von ihnen und dem Chat zurück. Außerdem hat die Knochin seine aufblühende Internetsucht nicht besonders gut gefunden. Jetzt sitzt er wieder am PC. Surft durch das Netz, vertreibt sich die Zeit. Er fühlt sich unvollständig und ist dauernd auf der Suche nach etwas. Mit der Knochin hat dieses Gefühl eine Weile ausgesetzt, mittlerweile begehrt es wieder auf. Lockt ihn, zieht ihn an. Aber er kann sich einfach nicht klar darüber werden, womit es zu tun haben könnte. Eigentlich hat er alles und ist auch soweit glücklich. Vor kurzem hat er in seinem Garten eine überaus majestätische Eidechse gesehen, ein einziges Mal allerdings nur. Sie hatte eine seltsame Aura um sich, etwas sehr Beunruhigendes ging von ihr aus. In dieser Woche war auch der Sturm so seltsam gewesen und der Stalker tauchte zum ersten Mal in Tods Gedanken auf. Die Knochin machte sich rar, das Ross hatte schlechte Laune, der Wolf trottete unglücklich umher und Tods Diener hatte die Nase voll. Zu allem Überfluss trieb auch noch der Troll während dieser Zeit im Gebälk sein Unwesen.

Die Sache mit dem Troll scheint allerdings endgültig ausgeräumt zu sein und die allgemeine Stimmung hebt sich längst wieder. Die Knochin hat schon wieder Parties organisiert, erneut für die bunte Gesellschaft von letztens. Wobei Tod sie äußerst interessant fand. Denn mit einigen würde er sich gerne öfter treffen und unterhalten. Diese Ungezwungenheit damals, hatte ihm sehr behagt und er wurde als Tod so akzeptiert, wie er ist. Aufgrund seines neuen Aussehens hegt er jedoch die Befürchtung, für eine Weile bei den Sterblichen nicht unbedingt ernst genommen zu werden, was ein weiterer Grund für Urlaub wäre. So macht er sich wieder an den Computer und verfasst ein Inserat für "That's Death", die ultimative Zeitung rund um den Tod. Da müsste sich sicher eine Aushilfe finden lassen. Als er noch einmal in sich geht und tiefsinnig darüber nachdenkt, dann mag er jeden einzelnen, wunderbaren Tag seines neuen, aufregenden Lebens.

Das Schicksal überschattet es zwar oft mir traurigen Anlässen, aber es ist nur ein Beruf, wenn er sich um jeden Menschen Gedanken machen würde, bräuchte er mehr wie nur eine Therapie. Deswegen zieht er seine Kutte an, damit verdeckt er sein zartes Knochengerüst und die tiefe furchteinflößende Stimme hat er sowieso. Die große, schwere, scharfe Irmi, der allerdings der Beruf die meiste Freude bereitet. Sie übernimmt für ihn manchmal das Reden, weil Tod schon sehr schüchtern sein kann und des Öfteren mit der Entscheidung des Schicksals ringt. Außerdem strahlt der Tod eine sehr tödliche Kälte aus, dass einem das Blut in den Adern gefrieren kann. Eigentlich ist das keine Absicht, nur wie soll er Körperwärme erzeugen, wenn er nun mal nur aus Knochen ohne Fleisch und Blut besteht? Am liebsten sitzt er im Sommer auf der Blumenwiese im hohen Gras, genießt die Sonne, den Duft der Blumen, wenn sie bei seinem Anblick nicht weglaufen. Er ist dann so allein und sieht mitleiderregend aus, weil sich auch die Tiere von ihm fernhalten. Das Ross schüttelt zwar über Tods Anwandlungen nicht selten die Mähne, jedoch hat es seine Ruhe und kann mit seinen schweren, schwarzen Hufen die Blumen zertreten und friedlich grasen. Seiner Meinung nach, ist die Natur mit all ihrer "Pracht und Schönheit" völlig überflüssig. Denn der Mensch bindet sich an seine Umgebung, sodass ihm später das Loslassen schwer fällt. Außerdem meint es, dass das alles Verschwendung sei und die Götter früher zu viel Zeit damit verbracht haben, die Welt und auch den Menschen selbst zu modellieren. Primitiv und einfach hätte seiner Ansicht nach vollkommen genügt. Einziger Vorteil für das Ross, eine große Spielwiese nur für es allein, es kann tun und lassen, was es möchte und auch genauso viel zerstören, wenn ihm danach ist und Tod sich nicht in seiner Nähe aufhält. Obwohl auch Tod sein Ross heiß und innig liebt, kennt er dessen Gedanken und hütet sich davor, das Menschsein mit ihm zuteilen, er weiß, dass er da auf harten Stein und Entsetzen stoßen würde.

Treue Irmi

Gerade denkt er auch an Irmi, wo mochte sie wohl sein? Sie hatte sich nach ihrer neugewonnen Freiheit einfach aufgemacht, ohne einen Weg und auch ohne Ziel. "Sicher lässt sie es sich sehr gut gehen.", denkt sich Tod mit väterlich strahlenden, warmen Augenhöhlen. Er vermisst sie, wie sie an freien Tagen im Sensengestell schläft und ein wenig schnarcht oder dort oftmals leise vor sich hinsäuselt. Obwohl man es ihr trotz ihrer Schärfe nicht zutraut. Es ist so ähnlich mit ihr und ihm, wie die Beziehung zwischen Data und seiner Katze Spot. Natürlich ist Irmi keine Katze, aber dennoch kommt er sich manchmal vor wie Data. Wenn jemand einen Witz macht, den er wegen seinem fehlenden Humor nicht versteht oder auch wegen seinem Scharfsinn und der Klarheit die Dinge zu sehen. Wie Data, lernt Tod auch jeden Tag ein bisschen mehr das Menschsein. Eigentlich müsste so eine ähnliche Beziehung zwischen ihm und dem Ross bestehen, aber man kennt das Ross. Es kann manchmal ein ziemlicher Gefühlstölpel sein und es ist auch unmöglich, dass es bei Tod im Gemach auf dem Teppich zusammengerollt oder am Fußende des Bettes schläft. Das Bett würde in sich zusammenfallen. Vor allem aber, weil die Pferdeäpfel Tod dabei ein Dorn im Auge wären, da er penibel auf Sauberkeit und ein gemütliches Heim achtet. Das Ross wäre zu dem sowieso noch zu extravagant, es hat an allem etwas auszusetzen. Irmi dagegen ist so unkompliziert. Sie sieht immer so unglaublich sensibel und verletzlich aus, wenn sie schläft. Wenn sie wach ist, hat sie natürlich für solche Liebeleien keinen Sinn, aber irgendwo in ihr schlummert ein sanfter, weicher Kern. Tod weiß das nur zu gut. Er vermisst sie so sehr, dass seine neue Sense noch ganz unbenutzt und still in der Ecke der Abstellkammer verweilt. Sie hat auch noch keinen Namen. Es kommt ihm immer noch ein bisschen wie Verrat an Irmi vor. Alles was sie zusammen erlebt haben, das kann er doch nicht so einfach leugnen und schließlich vergessen. Nein, Irmi ist nicht austauschbar, er will sie endlich wieder haben.

Momentan kann er Irmi nicht erreichen, da er nicht weiß, wo sie ist. Wenn sie jedoch Heimweh hätte, wäre sie sicher schon längst wieder da. Es piept plötzlich und Tod fährt aufgestreckt von dem unbekannten Geräusch zusammen. Er blickt in Richtung PC und sieht, dass er eine Email bekommen hat. Verstört öffnet er sie. Die Knochin hat sich erst mal für die nächsten paar Tage abgemeldet. "Echt schön, es wäre ja nett von ihr, wenn sie mir das auch etwas eher mitteilen könnte.", denkt Tod schmollend und auch betrübt. Sie hat vor mit dem Wolf durch die Gegend zu reisen, zu fernen Städten und dabei will sie gleich einen ganzen Schwung von Bekannten besuchen. Vorbeikommen, um sich zu verabschieden, kann sie allerdings nicht mehr, weil sie in Eile ist und sofort los muss. Jetzt ist Tods Laune vollends im knochigen Eimer. Dunkle Wolken ziehen draußen am Himmel herauf und ballen sich über Tods Hütte. Es beginnt daraufhin bedrohlich zu donnern. Die Blumen aus dem Garten schauen ängstlich durchs Fenster, denn Tod macht seinem Namen gerade alle Ehre. Er fühlt sich vernachlässigt und grummelt daher trotzig vor sich hin. Nein, die Welt meint es heute einfach nicht gut mit ihm. So schleicht er demütig in die Kissen, um ein Wenig Schlaf zu finden. Dass er leidet, kann man sogar unten auf der Erde hören, denn das Unwetter hat sie längst erreicht. Ein tobender Sturm entlädt sich allerorten.

Internetradio

Unruhig wälzt sich Tod hin und her, er findet keine Ruhe, der Kummer sitzt tief in seinem unbekannten Herzen. Zu tun hat er auch wenig, die Selbstmordkandidaten verhalten sich bei dem sonnigen Wetter eher ruhig und auch sonst hat niemand Interesse daran zu sterben. Das kommt Tod eigentlich auch gelegen, keine Arbeit, Zeit zum Ausspannen. Nach einer Weile steht er wieder auf, schaut aus dem Fenster in die noch immer währende Dunkelheit und überlegt, grübelt und weint auch ein bisschen vor sich hin. Er hat gerade eine prägende Depressionsphase. Keiner ist da, der ihn in den Arm nimmt, keiner, dem er ein Wenig sein Leid klagen könnte. Seufzend und die Tränen herunterschluckend macht er kehrt und setzt sich wieder an seinen Schreibtisch, um erneut in den Internetseiten der Unterwelt zu surfen. Dabei stößt er auf eine Seite, wo es so etwas wie Radio gibt. "Radio im Internet, was kann das denn sein?", fragt er sich verwundert und folgt den angegebenen Instruktionen. Danach betätigt er das frisch installierte Musikprogramm auf seinem PC und setzt sich Kopfhörer auf, um zu lauschen, was es da zu hören gibt. Stille, man hört nur die Kieferknochen knackend auseinander fallen. Tod hat einen Ausdruck im Gesicht, den man mit nichts hätte beschreiben können. Er lauscht angespannt und bricht dann kurioser Weise in lautes hysterisches Todlachen aus. Was sich etwas gewöhnungsbedürftig anhört. Aber es kommt noch viel besser, er springt auf, die Kopfhörer hat er immer noch auf, beginnt einen sehr mysteriösen Tanz, d. h. wippt mit der Musik offensichtlich mit und summt euphorisch in einer sehr hallenden tiefen Todstimme die Melodie nach. Nebenbei wird die Tür entsetzt aufgerissen und zwar von beiden Seiten. Mit offenen Mündern steht die Einrichtung des gesamten Hauses dort und kann nicht fassen, was sie da vor ihren nicht vorhandenen Augen sieht. Tod geht total ab, reißt sich die Kutte vom Leib und tänzelt drehend mit dem Kabel des Kopfhörers durch das Zimmer. Er scheint so in Trance zu sein, dass er nicht einmal wahrnimmt, was um ihn geschieht. Einer von den Ohrensesseln wagt sich vorsichtig an eines der Fenster, öffnet es einen Spalt und fragt die Blumen: "Was macht Tod da? Habt ihr ihm irgendwelche Drogen untergeschoben, oder was treibt er hier?". Daraufhin entgegnet ihm eine störrische, beleidigte Pflanze: "Was soll das denn bitte heißen?", schnaubt sie in einem verächtlichen Ton. "Hast Du schon einmal was vom Internetradio der Unterwelt gehört? Nein? Dann schau Dir bitte die sofortauftretenden Nebenwirkungen an!", gekränkt macht die Blume kehrt und schreitet stolzen Schrittes davon.

Der Zusammenbruch

Der Ohrensessel wendet sich wieder in Richtung Tod, schaut in die fragenden Gesichter und zuckt verstört mit den Schultern. Seine Ohren formen stumm das Wort Radio. Verwundert nickt die Versammlung und starrt wieder auf Tod, der immer noch im Takt wippt. Entweder ein schwerwiegender Fall von Geisteskrankheit oder sein Beruf ist ihm doch ein Wenig aufs Gemüt geschlagen, letzteres lässt sich wohl eher vermuten. Einer der Tische wird von den Umstehenden angewiesen, den Arzt zu benachrichtigen, dass er auf schnellstem Weg diesem Zustand eine Ende bereiten kann. Sofort und erleichtert trabt der Tisch in einer Staubwolke davon. Man versammelt sich vorsichtshalber um Tod, damit er sich in seinem anscheinenden Fieberwahn keine Verletzungen zufügen kann. Äh, Moment, eigentlich ist Tod schon tot, das Schlimmste was ihm passieren könnte, wäre, dass ihm ein paar Knochen abhanden kommen oder eben, dass er vollends den Verstand verliert. Es herrscht eine gespannte Atmosphäre im Raum und ein herbeisehendes Erreichen des Arztes.

Nach einer halben Stunde läutet es an der Türe und der Arzt kommt völlig außer Atem herbeigeeilt. "Wo ist denn unser Patient?", fragt er in die Runde und bekommt daraufhin nur ein stummes Kopfnicken in Richtung Tod. Der Arzt, übrigens heißt er Doktor Knochenschmidt, besieht sich Tod erst einmal aus sicherer Entfernung. Dann traut er sich langsam zu Tods Schreibtisch heran und beendet das Programm. Tod bleibt wie angewurzelt in der gerade ausgeführten Bewegung stehen. Seine dunklen Augenlöcher bekommen wieder einen klaren Blick. Völlig durcheinander und fast ertappt schaut er sich fragend um. Als er merkt, dass er wieder einmal nackt ist, läuft er rot an und zieht sich schnell seinen Morgenmantel über. Da er nicht weiß, was passiert ist, traut er sich auch nicht zu fragen, aber offensichtlich muss es etwas Schlimmes gewesen sein, sonst wäre die Einrichtung nicht in gesamter Zahl aufgelaufen und würde jetzt auch nicht so unbehaglich still herumstehen. Der Arzt führt Tod zu seinem Bett und gibt ihm zu verstehen, dass er sich hinsetzen soll, damit er ihn untersuchen kann. Eine Weile doktert der Arzt an ihm rum, testet seine Reflexe, untersucht den Kopf, schaut in alle erdenklich Löcher und Zwischenräume. Dann geht er nach draußen, scheucht dabei die Einrichtung mit sich und verschließt hinter sich die Tür. Tod bleibt im Zimmer verwundert zurück. "Doktor Knochenschmidt, was hat er denn nun? Hat er Drogen genommen, hat er getrunken? Was ist denn jetzt los mit ihm?", fragt der Ohrensessel. "Hm...", macht der Arzt und geht grübelnd vor der Schlafzimmertür auf und ab. Alles blickt ihn drängend an. "Also Ihr wisst nicht genau, was er gemacht hat, richtig?", fragt der Arzt. "Die Blumen sagten, er hätte lediglich Radio gehört, aber das von der Unterwelt.", sagt der Ohrensessel. "Hm...", entgegnet der Doktor Knochenschmidt wieder. "Wie es scheint, hat Tod einfach mal wieder nach langer Zeit so richtig Spaß gehabt. Deswegen denke ich, dass kein Grund zur Sorge besteht. Aber es wäre besser, wenn er endlich Urlaub macht. Sonst dreht er langsam am Rad und das könnte noch schlimmer ausgehen wie gerade eben. Und das wollt Ihr alle doch nicht, oder?", ein entsetztes Aufschreien folgt sowie ein einvernehmliches Nicken. "Brav, sehr brav. So habe ich das gerne. Also ich sage ihm jetzt, dass alles in Ordnung ist, denn das ist es und dann gebe ich ihm noch etwas zur Beruhigung, damit er endlich mal schlafen kann, denn er sieht ziemlich übermüdet aus. Hat er in letzter Zeit Probleme und Ähnliches in der Art?" Die gesamte Belegschaft zuckt mit den Schultern, scharrt mit den Füßen auf dem Boden, oder pfeift unschuldig vor sich hin. "Aha, da seid Ihr aber extrem aufmerksam gewesen in letzter Zeit, wie?", fragt der Doktor Knochenschmidt. Wie auf ein stilles Kommando räumt sich das Feld, ohne dass irgendwer von der Einrichtung noch ein einziges Wort verliert. Daraus folgert Doktor Knochenschmidt schon eine ganze Menge. Tod funktioniert also nur noch in letzter Zeit und weil sich keiner für ihn verantwortlich fühlt, kam es heute zu diesem kleinen Hilfeschrei seinerseits. Seufzend und noch ein Wenig verwirrt öffnet er wieder die Tür zu Tods Schlafzimmer, in dem Tod immer noch friedlich und abwartend auf seinem Bett sitzt.

Der Doktor schaut sich nach einem Stuhl um, nachdem er einen gefunden hat, setzt er sich zu Tod ans Bett. Tod blickt ihn an und fragt: "Doktor Knochenschmidt? Was ist mit mir los, ich meine, was habe ich vorhin getan, dass man sie gerufen hat. Ich habe lediglich etwas Radio gehört, um abzuschalten und meinen nichtvorhandenen Gefühlen freien Lauf gelassen. Ich habe trotzdem das Gefühl, dass etwas mit mir nicht stimmt, etwas in mir nicht im Reinen ist." "Ich weiß, dass Du nicht mehr getan hast, wie Radio hören. Ich kenne Dich jetzt seit Todesbeinen an und ich weiß, dass der Beruf Dir oftmals Sorgen bereitet und auch, dass Du Dich ans Sterben immer noch nicht gewöhnt hast. Ich beobachte Dich seit einer Weile. Es ist mir längst aufgefallen, dass es Dir nicht gut geht, aber ich wollte warten, bis Du von selbst ein Gespräch suchst, oder bis so etwas passiert wie heute." Dem Doktor entfährt ein tiefsinniger Seufzer. Tod nickt stumm und grübelt lautlos vor sich hin. Der Doktor lässt ihm diese Zeit zum Nachdenken, dann antwortet er nach einer Weile: "Lass Dir Zeit, es ist schwer, ich weiß das. Du machst eine Phase durch, die durchaus verwirrend sein kann. Aber lass Dir versichert sein, dass das ein ganz normaler Prozess Deines unsterblichen Lebens ist. Du musst Dir also keine großartigen Gedanken machen. Und wenn Du meinst, dass es Zeit sei, dann besuche mich in meiner Praxis und erzähle mir, was Dir auf den Knochen liegt. Niemand drängt Dich, aber ich bin da, wenn es nötig ist." Der Doktor klopft Tod auf die Schulter und ein klapperndes Geräusch folgt, als ob jemand in einem Haufen leerer Dosen herumwühlt. Ein Wenig verwirrt von diesem Geräusch, blicken sich Tod und Doktor Knochenschmidt an. Der Doktor nickt Tod zu, Tod erwidert den Gruß. Dann verlässt der Doktor das Zimmer und macht sich auf den Heimweg.

Tod bleibt etwas unschlüssig auf seinem Bett sitzen. Nach einer Weile steht er auf und schaltet seinen Computer aus. Danach geht er in die Küche macht sich heiße Milch mit Honig und schlurft zurück ins Schlafzimmer. Er hofft, nun schlafen zu können. Es war ein äußerst seltsamer Tag, der an seinen Kräften gezehrt hat und mittlerweile ist er müder, als er vorher eigentlich dachte. Nachdem er sein Glas geleert hat, kriecht er unter seine flauschige Bettdecke und fällt in einen unruhigen Schlaf.

Endlich Urlaub!

Als er am nächsten morgen wie gerädert aufwacht, scheint die Sonne wohlig warm auf sein Bett. Er genießt diese Minuten der Stille und Zufriedenheit. Plötzlich klopft es leise und vorsichtig an der Türe. Es ist Tods Diener, er bringt ihm sein Frühstück. Tod weiß gar nicht, wie ihm da gerade passiert. Tods Diener Wilhelm begrüßt ihn: "Guten Morgen Herr. Ihr seht sehr erschöpft aus, deshalb habe ich schon aus weiser Voraussicht alle Termine für heute abgesagt." Tod platzt heraus: "Aber Wilhelm, das sind Termine, die man, wie Du sehr wohl weißt, nicht so einfach absagen kann!" Wilhelm entgegnet Tod in einem beruhigenden Ton: "Ja Herr, das weiß ich, aber Ihr habt doch bereits gestern eine Anzeige in "That's Death" aufgeben und heute in der Frühe hatten wir schon einen ersten Bewerber an der Türe und da Ihr noch geschlafen habt, haben wir es Schicksal überlassen, ein Gespräch zu führen." Tod ist auf einmal hell wach und kopflos aufgeregt: "Schicksal hat sich seiner angenommen? Wilhelm, das ist doch wohl ein schlechter Scherz oder? Schicksal ist oft leichtsinnig und töricht zugleich. Es wird eine Katastrophe geben, wenn nicht sogar ein Unheil. Ich kann hier nicht tatenlos herumsitzen." Tod will schon aus dem Bett eilen, doch Wilhelm versperrt ihm den Weg und hält ihn zurück: "Herr, macht Euch keine Sorgen, es ist alles in bester Ordnung. Der Arzt hat Euch doch ans Herz gelegt, Ihr sollt ruhen und das für die ganze nächste Zeit. Zottel ist mit dem neuen unterwegs." Zottel ist das schwarze Ross. Wilhelm nennt es liebevoll so, obwohl es selbst davon meist nichts wissen will. Denn wir wissen ja, es ist von adeliger Abstammung und nichts ist ihm lieb, was es abwerten könnte. Tod hockt mit verschränkten Ellen und Speichen im Bett und schmollt, sagt aber nichts, weil er weiß, wie recht Wilhelm hat. "Na schön.", sagt Tod schließlich. "Lassen wir den Dingen ihren Lauf, aber wenn ich auch nur ein einziges Mal Beschwerden oder Klagen höre, wisst Ihr, dass Ihr dran seid und das nicht zu knapp. Ich trage die Verantwortung fürs Sterben und wenn etwas schief läuft, bin ich dran und kann mich vor dem Gericht der drei großen Schnitter rechtfertigen. Ich kann Dir sagen, dass das keine Freude macht. Das waren die mächtigsten Tods, die es je gegeben hat und wenn ich Glück habe, werde ich später auch einmal auf einem der verstaubten Stühle sitzen und richten." Tod holt zu einer sehr langen Moralpredigt aus, Wilhelm entfernt sich jedoch so geschickt aus dem Zimmer, dass es Tod gar nicht auffällt.

Tod bemerkt Wilhelms Verschwinden erst etliche Minuten später. Etwas frustriert darüber sackt er kraftlos in seinem großen Bett zusammen. Tod plagen gerade Zweifel, dass er am Ende seiner Kräfte zu sein scheint und jetzt auch noch von einem Möchtegerntod ersetzt wird. Das setzt ihm merklich sehr zu. Eine Weile lümmelt er sich noch im Bett herum, beschließt dann aber doch aufzustehen. Ein Wenig ratlos steht er vor seinem Kleiderschrank und sucht verzweifelt nach Freizeitkleidung. Anscheinend besitzt er gar keine. Er denkt nach, kann sich jedoch nicht erinnern, wann er eben solche einmal in seinem Leben benötigt hat. Er schlurft durchs Zimmer und betätigt die Glocke, um Wilhelm in seine Gemächer zu rufen. Nach ein paar Minuten hört man Wilhelms schwere, kratzende Schritte über den Boden jaulen. Es klopft an der Türe und Wilhelm öffnet aus weiser Voraussicht die Türe nur um einen winzigen Spalt. "Herr, Ihr habt geläutet?", dringt es nur sehr leise und verhalten ins Zimmer hinein. Tod macht keine Anstalten sich der Tür zu zuwenden und grummelt vor sich hin: "Wilhelm, kannst Du Dich entsinnen, dass ich irgendwo in meinem Haus auch noch andere Kleidung außer meinen Kutten habe? Ich suche nun schon eine ganze Weile nach etwas Bequemen." Tod hält, verwundert über seine eigene Worte, plötzlich inne, schmunzelt und blickt zu Wilhelm herüber. Ganz erschrocken über diese Reaktion öffnet Wilhelm nun die Türe ganz und tritt langsam zu Tod näher. "Hm.", macht Wilhelm begleitet mit einem Seufzen, das die Tiefsinnigkeit mehrerer Jahrhunderte in sich verbergen könnte. "Nun Herr, so wie es scheint, seid Ihr all die ganze Zeit nicht sonderlich an einer anderen Kluft interessiert gewesen zu sein. Ja oft sogar habe ich versucht, Euch in die großen Schneidereien mitzunehmen, aber wie man sieht, habt Ihr meinen gutgemeinten Ratschlägen stets standgehalten. "Ach Wilhelm, was würde ich nur ohne Dich tun. Also willst Du mir damit sagen, dass ich mich dann heute mal zu einem Einkauf aufmache, da ich ja jetzt bis auf Weiteres beschäftigungslos bin. Sehe ich das richtig so?", fragt Tod. Wilhelm runzelt über das Gehörte ungläubig die Stirn, entgegnet dann aber: " Ja Herr, genauso meinte ich." "Gut, dann werde ich jetzt mein Frühstück zu mir nehmen. Ich hoffe, es ist noch nicht ganz kalt und danach können wir zum nächsten Klamottenladen losziehen, um es in einer jungen dynamischen Weise zum Ausdruck zu bringen." Wilhelm ist mittlerweile so verblüfft über die Anwandlungen seines Herrn, dass er nur noch abwesend mit dem Kopf nicken kann. Während Tod wieder zu seinem Bett schreitet, huscht Wilhelm bedenklich aus dem Zimmer, um Tods Einkaufstrip vorzubereiten und eine Mitfahrgelegenheit aufzutreiben, da Zottel ja mit dem Neuen unterwegs ist.

Tod sitzt im Bett und frühstückt ausgiebig, er freut sich, einkaufen zu gehen. Plötzlich jedoch bleibt ihm der Bissen im Hals stecken und er verspürt einen heftigen Stich in der Brust, dort, wo normalerweise sein Herz sitzen müsste. Tod fasst mit seiner knochigen Hand an seine Rippen und ist wie erstarrt, als ihm bewusst wird, was er fühlt. Es sind wieder die Rufe des Selbstmörders. Wankend steigt er aus dem Bett, tappt zu seinem PC und überprüft seine Emails. Es besteht kein Zweifel, für Notfälle und wichtige Nachrichten hatte man Tod eine Emailadresse eingerichtet. Dort liest er nun den Absender und zittert als er die Email öffnet, kreidebleich wird er, als er das Geschriebene lautlos mit den Lippen formt: "Ich frage mich, wie es Dir wohl geht?". Gekrümmt sackt Tod in seinem Sessel nieder und atmet schwer. Das kann nicht wahr sein, das kann einfach nicht wahr sein. Er ist es schon wieder, er drängt nach ihm. Tod bekommt unverwandt eine erneute Depression und ruft ihn in die Wirklichkeit zurück, dass er der Tod ist und nicht einfach Urlaub machen kann. Langsam sinnt er vor sich hin und beschließt fast, Schicksal einen erheiternden Auftrag zu erteilen. Dabei beißt er sich jedoch schmerzhaft auf die knochige Unterlippe, denn den Hang zum Egoismus hatte er noch nie und wird ihn durch eine solche Person auch niemals bekommen. Aber was soll er bloß tun?

Eine Überraschung

"Na was soll er tun, ja was soll er bloß tun?", flüstert es plötzlich hastig durchs Zimmer. Tod schreckt bei dem Gedanken auf, dass er mit sich nicht alleine ist. Er schaut sich nervös um, doch er kann Nichts und niemand erblicken. "Such mich, ja such mich doch!", raunt es wieder durchs Zimmer. Entsetzt erinnert Tod sich an den Troll, ist er etwa doch noch im Haus? "Nein, nein, nein. Ich bin's nicht, wer bin ich denn, wer bin ich?" Beängstigt springt Tod aus seinem Sessel auf, in dem er bis vorhin gedankenversunken gesehen hatte. "Wer oder was bist Du, vor allem wo bist Du?", fragt Tod. "Wer ich bin, willst Du wissen? Hm, gute Frage, wer bin ICH?", kommt eine weniger aufgedrehte Stimme aus allen Richtungen des Raumes. Danach bricht Tod in hysterisches Gelächter aus und kann sich kaum wieder einkriegen. "Klar, ich halluziniere, Wilhelm hat mir was ins Essen getan, oder ich knalle jetzt ganz durch. Ich höre Stimmen, werde von einem Stümper ersetzt und sicher bald wie ein alter Greis an der Hand geführt. Ich bin reif für die Klappse eindeutig." Tod sackt elend in seinen Sessel zurück und vergräbt schluchzend den Schädel in seinen Händen. "Meinst Du, das bist Du und ich bin nur eine Stimme, die Deine anscheinend mikroskopisch kleine Erdnuss erzeugt? Meine Güte, ich habe ja schon so viel von Dir gehört, aber dass Du eine solche Heulsuse bist, hätte ich jetzt nicht gedacht. Eine Stimme in Deinem Kopf, eine Halluzination, also entschuldige mal, für was hältst Du Dich eigentlich, wenn ich fragen darf? Das kränkt mich wirklich.", schallt es jetzt doch etwas ungehalten durch den Raum. Tod blickt noch entsetzter wie vorher durch sein Zimmer, schüttelt den Kopf und bringt vor Staunen kein Wort heraus.

Es seufzt sehr unüberhörbar mit rollenden Augen. "Du nichtsnutzige Gestalt von einem Tod, hast Du schon einmal daran gedacht auf den Boden zu blicken und nicht in Augenhöhe nach Deinem Gegner zu suchen? Irgendwann würde Dir genau das Dein zartes Genick brechen und der nächste Tod hätte es sehr einfach mit Dir!", quäkte es nun in einer seltsamen Tonlage von unten herauf. Der Tod blickt daraufhin weinerlich und mit verquollen Augen vor seine nichtriechenden Käseknochen, die sich auch ab und an als seine Füße zu erkennen geben. Während er schaut, erschreckt er sich fast zu Tode, man beachte den Wortwitz im Satz. Er traut wahrhaftig seinen Augenhöhlen nicht, die in seinem leeren Schädel das folgende visuelle Bild darstellen: Vor ihm plustert sich ein vierblättriges Etwas auf, umgangssprachlich kann man es auch Klee nennen, mit seltenen vier Blättern, was ihn mit großen, wütenden Augen, oder wie auch immer man das nennen soll, anschaut. "Was glotzt Du denn so? Hast Du noch nie einen Trotzklee gesehen? Ich mach Dir Beine, dass Du Knochen und Mark verlierst. Ich kann Dir sagen, Du wirst ein tödliches Wunder erleben.", grummelt der Klee vor sich hin, während er hastigen Blattes auf und ab wiegt, wie er es nur in einem sanften Lüftchen zu tun gedenken würde. Der Tod schaut ungläubig zum Klee hinunter, dieses kleine, hilflose Geschöpf sollte ihm Angst gemacht haben, das muss eine Halluzination gewesen sein, so harmlos wie es dort gerade auf dem Boden hin und her wankt.