Der
Zusammenbruch
Der
Ohrensessel wendet sich wieder in Richtung Tod, schaut in die fragenden
Gesichter und zuckt verstört mit den Schultern. Seine Ohren formen
stumm das Wort Radio. Verwundert nickt die Versammlung und starrt wieder
auf Tod, der immer noch im Takt wippt. Entweder ein schwerwiegender
Fall von Geisteskrankheit oder sein Beruf ist ihm doch ein Wenig aufs
Gemüt geschlagen, letzteres lässt sich wohl eher vermuten.
Einer der Tische wird von den Umstehenden angewiesen, den Arzt zu benachrichtigen,
dass er auf schnellstem Weg diesem Zustand eine Ende bereiten kann.
Sofort und erleichtert trabt der Tisch in einer Staubwolke davon. Man
versammelt sich vorsichtshalber um Tod, damit er sich in seinem anscheinenden
Fieberwahn keine Verletzungen zufügen kann. Äh, Moment, eigentlich
ist Tod schon tot, das Schlimmste was ihm passieren könnte, wäre,
dass ihm ein paar Knochen abhanden kommen oder eben, dass er vollends
den Verstand verliert. Es herrscht eine gespannte Atmosphäre im
Raum und ein herbeisehendes Erreichen des Arztes.
Nach
einer halben Stunde läutet es an der Türe und der Arzt kommt
völlig außer Atem herbeigeeilt. "Wo ist denn unser Patient?",
fragt er in die Runde und bekommt daraufhin nur ein stummes Kopfnicken
in Richtung Tod. Der Arzt, übrigens heißt er Doktor Knochenschmidt,
besieht sich Tod erst einmal aus sicherer Entfernung. Dann traut er
sich langsam zu Tods Schreibtisch heran und beendet das Programm. Tod
bleibt wie angewurzelt in der gerade ausgeführten Bewegung stehen.
Seine dunklen Augenlöcher bekommen wieder einen klaren Blick. Völlig
durcheinander und fast ertappt schaut er sich fragend um. Als er merkt,
dass er wieder einmal nackt ist, läuft er rot an und zieht sich
schnell seinen Morgenmantel über. Da er nicht weiß, was passiert
ist, traut er sich auch nicht zu fragen, aber offensichtlich muss es
etwas Schlimmes gewesen sein, sonst wäre die Einrichtung nicht
in gesamter Zahl aufgelaufen und würde jetzt auch nicht so unbehaglich
still herumstehen. Der Arzt führt Tod zu seinem Bett und gibt ihm
zu verstehen, dass er sich hinsetzen soll, damit er ihn untersuchen
kann. Eine Weile doktert der Arzt an ihm rum, testet seine Reflexe,
untersucht den Kopf, schaut in alle erdenklich Löcher und Zwischenräume.
Dann geht er nach draußen, scheucht dabei die Einrichtung mit
sich und verschließt hinter sich die Tür. Tod bleibt im Zimmer
verwundert zurück. "Doktor Knochenschmidt, was hat er denn
nun? Hat er Drogen genommen, hat er getrunken? Was ist denn jetzt los
mit ihm?", fragt der Ohrensessel. "Hm...", macht der
Arzt und geht grübelnd vor der Schlafzimmertür auf und ab.
Alles blickt ihn drängend an. "Also Ihr wisst nicht genau,
was er gemacht hat, richtig?", fragt der Arzt. "Die Blumen
sagten, er hätte lediglich Radio gehört, aber das von der
Unterwelt.", sagt der Ohrensessel. "Hm...", entgegnet
der Doktor Knochenschmidt wieder. "Wie es scheint, hat Tod einfach
mal wieder nach langer Zeit so richtig Spaß gehabt. Deswegen denke
ich, dass kein Grund zur Sorge besteht. Aber es wäre besser, wenn
er endlich Urlaub macht. Sonst dreht er langsam am Rad und das könnte
noch schlimmer ausgehen wie gerade eben. Und das wollt Ihr alle doch
nicht, oder?", ein entsetztes Aufschreien folgt sowie ein einvernehmliches
Nicken. "Brav, sehr brav. So habe ich das gerne. Also ich sage
ihm jetzt, dass alles in Ordnung ist, denn das ist es und dann gebe
ich ihm noch etwas zur Beruhigung, damit er endlich mal schlafen kann,
denn er sieht ziemlich übermüdet aus. Hat er in letzter Zeit
Probleme und Ähnliches in der Art?" Die gesamte Belegschaft
zuckt mit den Schultern, scharrt mit den Füßen auf dem Boden,
oder pfeift unschuldig vor sich hin. "Aha, da seid Ihr aber extrem
aufmerksam gewesen in letzter Zeit, wie?", fragt der Doktor Knochenschmidt.
Wie auf ein stilles Kommando räumt sich das Feld, ohne dass irgendwer
von der Einrichtung noch ein einziges Wort verliert. Daraus folgert
Doktor Knochenschmidt schon eine ganze Menge. Tod funktioniert also
nur noch in letzter Zeit und weil sich keiner für ihn verantwortlich
fühlt, kam es heute zu diesem kleinen Hilfeschrei seinerseits.
Seufzend und noch ein Wenig verwirrt öffnet er wieder die Tür
zu Tods Schlafzimmer, in dem Tod immer noch friedlich und abwartend
auf seinem Bett sitzt.
Der
Doktor schaut sich nach einem Stuhl um, nachdem er einen gefunden hat,
setzt er sich zu Tod ans Bett. Tod blickt ihn an und fragt: "Doktor
Knochenschmidt? Was ist mit mir los, ich meine, was habe ich vorhin
getan, dass man sie gerufen hat. Ich habe lediglich etwas Radio gehört,
um abzuschalten und meinen nichtvorhandenen Gefühlen freien Lauf
gelassen. Ich habe trotzdem das Gefühl, dass etwas mit mir nicht
stimmt, etwas in mir nicht im Reinen ist." "Ich weiß,
dass Du nicht mehr getan hast, wie Radio hören. Ich kenne Dich
jetzt seit Todesbeinen an und ich weiß, dass der Beruf Dir oftmals
Sorgen bereitet und auch, dass Du Dich ans Sterben immer noch nicht
gewöhnt hast. Ich beobachte Dich seit einer Weile. Es ist mir längst
aufgefallen, dass es Dir nicht gut geht, aber ich wollte warten, bis
Du von selbst ein Gespräch suchst, oder bis so etwas passiert wie
heute." Dem Doktor entfährt ein tiefsinniger Seufzer. Tod
nickt stumm und grübelt lautlos vor sich hin. Der Doktor lässt
ihm diese Zeit zum Nachdenken, dann antwortet er nach einer Weile: "Lass
Dir Zeit, es ist schwer, ich weiß das. Du machst eine Phase durch,
die durchaus verwirrend sein kann. Aber lass Dir versichert sein, dass
das ein ganz normaler Prozess Deines unsterblichen Lebens ist. Du musst
Dir also keine großartigen Gedanken machen. Und wenn Du meinst,
dass es Zeit sei, dann besuche mich in meiner Praxis und erzähle
mir, was Dir auf den Knochen liegt. Niemand drängt Dich, aber ich
bin da, wenn es nötig ist." Der Doktor klopft Tod auf die
Schulter und ein klapperndes Geräusch folgt, als ob jemand in einem
Haufen leerer Dosen herumwühlt. Ein Wenig verwirrt von diesem Geräusch,
blicken sich Tod und Doktor Knochenschmidt an. Der Doktor nickt Tod
zu, Tod erwidert den Gruß. Dann verlässt der Doktor das Zimmer
und macht sich auf den Heimweg.
Tod
bleibt etwas unschlüssig auf seinem Bett sitzen. Nach einer Weile
steht er auf und schaltet seinen Computer aus. Danach geht er in die
Küche macht sich heiße Milch mit Honig und schlurft zurück
ins Schlafzimmer. Er hofft, nun schlafen zu können. Es war ein
äußerst seltsamer Tag, der an seinen Kräften gezehrt
hat und mittlerweile ist er müder, als er vorher eigentlich dachte.
Nachdem er sein Glas geleert hat, kriecht er unter seine flauschige
Bettdecke und fällt in einen unruhigen Schlaf.