Die Tinnitus-Zwillinge
© Stürmchen

Der Anfang aller Dinge

Es geschah zu einer Zeit, in der man meinte, den Körper bis an den Rande des Daseins belasten zu können. So auch während der sieben Tage vom 19.04.04 – 25.04.04. Eine schöne Woche ließ sich bereits erahnen mit herrlichem Wetter. Eine Frage stellte sich jedoch, wie weit konnte man gehen, ohne dass der Körper Schaden davon trug?

19.04.04 - Montag

Am ersten Tag der Woche ging das Gehör wie gewohnt zur Arbeit, inklusive seiner menschlichen Hülle, die bereits nicht ganz auf der Höhe zu sein schien. Grund dafür waren diverse vorangegangene Dinge. Der Tag endete schließlich auch etwas depressiv gegen 17.00 Uhr.

20.04.04 – 22.04.04 – Dienstag – Donnerstag

Die nächsten drei Tage verliefen ohne weitere Vorkommnisse. Sie waren hauptsächlich geprägt von Arbeit und stressigen Mitarbeitern. Dann kam die Idee...

23.04.04 – Freitag – noch auf der Arbeit

Lange Zeit vorher hatte das Gehör bereits eine Fahrt zu einem Konzert geplant. Daher nahm es sich vor, an diesem wunderschönen Tag besonders früh nach Hause zu fahren, sehr zum Missfallen einiger Mitarbeiter. Das Gehör schenkte diesen Vorwürfen und auch körperlichen Erschöpfungserscheinungen kein Gehör.

23.04.04 – Freitag – Nachmittag

Wie bereits schon im Voraus geplant, lud das Gehör nun an besagtem Tag vier weitere Gehöre ein und machte sich auf die Fahrt nach dem eine Stunde entfernten M. Der Kofferraum war voller Bier, die Stimmung sehr gut und das Wetter schön. Zu dem wurde ebenso das Bremsverhalten eines Autos erforscht, das mit Gehören voll besetzt war, alles in allem eine lustige Fahrt. 

M. war ein nettes, kleines Städtchen, sehr beschaulich. Allerdings brauchten die Gehöre eine Weile, um die gesuchte Örtlichkeit zu finden, letztendlich war es sehr einfach. Da es noch eine Weile dauerte, bis das Konzert begann, blieben die Gehöre draußen in der Sonne und bräunten die blässlichen Körper ihrer menschlichen Hüllen. Schließlich sollte es losgehen und sie betraten ein idyllisches Fleckchen Erde, so schien es. Es bestand aus einem sehr kleinem Raum, einer niedrigen Decke und wenig Steh- und Sitzmöglichkeiten. Daher war es egal, wo man sich im Raum befand, man hatte den Platz vor der Bühne sicher. Die Vor-Band W. war alles andere als berauschend und die Stimmung des Gehöres begann unaufhörlich zu sinken und ein gewisser Schmerz stellte sich nach einer Weile bedenklich ein. Endlich kam der Headliner MC. Nie zuvor hatte sich das Gehör so sehr auf etwas gefreut. Es ging natürlich bombastisch los und nahm ein infernalisches Ende.

23.04.04 – Freitag – Abend

Während des Auftrittes begann sich das Gehör zusehends unwohl zu fühlen. Eines der anderen Gehöre warf ihm sorgenvolle Blicke zu und fragte des Öfteren nach dessen Befinden. Dumm wie es war, wiegelte es die Sache als unbedenklich ab. Es brachte das Haupthaar seiner menschlichen Hülle gehörig durcheinander, amüsierte sich obgleich der aufkommenden Schmerzen in seinem Innern. Die Stöpsel hatte es in der Hektik vergessen, aber was sollte auch diesmal so schlimm daran sein. 

Die letzte Zugabe fiel und als sich das Gehör danach umschaute, war der Raum erfüllt von Leere und gelangweilten Gesichtern. Schulterzuckend verließ die Gruppe das Lokal und kehrte zum Parkplatz zurück.

Dort angekommen mussten die restlichen vier Gehöre, die mittlerweile stark alkoholisiert waren, andere leicht gestörte Gehöre anpöbeln, sodass es beinahe zu Handgreiflichkeiten gekommen wäre. So langsam wurde es dem Gehör kalt und seine Hülle bekam zusätzlich Schmerzen im Rücken. Zum Aufbruch wurde gedrängt.

Während der Fahrt verhielten sich alle ruhig im Auto und angenehme Musik dudelte aus dem Radio.

Als sie gerade D. passierten, wurde das Gehör darauf aufmerksam gemacht, dass das Gehör O. wohl gerade mit seinem Mageninhalt kämpfte. Es riss das Autor herum zu dem zum Glück in der Nähe liegenden Parkplatz. Das Gehör T. sprang todesmutig aus dem Wagen und man sah O. nur noch benebelt auf der Rückbank zur Seite fallen, sodass sein Kopf aus dem Auto ragte und ihn alles verließ, worauf er nicht mehr unbedingt angewiesen war.

Kurze Zeit später endete die Fahrt zuhause, nachdem alle anderen Gehöre sicher verwahrt vor ihren Haustüren abgesetzt worden waren.

Das Gehör fiel sofort in einen angenehmen Schlaf, nachdem sein Mensch den Kopf auf dessen Kissen bettete.

24.04.04 – Samstag – Morgen

Am darauffolgenden Morgen erwachte das Gehör in einer seltsamen Verfassung. Es wusste gleich, dass irgendetwas nicht stimmen konnte. Es fühlte sich benebelt, taumelig und es hatte ein zwar bekanntes, aber unangenehmes Piepen im Ohr. Die menschliche Hülle befand für beide eine Dusche und war sich selbstsicher danach würde alles besser werden, weitgefehlt. Es wurde nicht besser. Die Mutter des Menschen kam vom Einkaufen zurück und wurde gleich unterrichtet, dass mit dem Gehör etwas nicht stimme und man sofort den nächsten Notdienst aufsuchen sollte. Gesagt getan, so fuhr die Mannschaft nach B.

24.04.04 – Samstag – Morgen – Notdienst

Das Gehör musste noch eine Weile warten bis es zur Untersuchung dran war. Freundlich knöpfte die Arzthelferin dem Gehör die zehn Euro ab. Kurz darauf wurde es hereingebeten und kaum untersucht, denn als die menschliche Hülle seine Beschwerden schilderte, wurde es ohne Umschweife samt Überweisung an den nächsten HNO verwiesen.

Sie gingen hinaus, wunderten sich über einen Besuch am Samstag bei selbigen und gingen wieder hinein, um sich noch einmal zu vergewissern, welcher HNO. Die Antwort kam prompt: Klinik – heute noch.

Mensch und Mutter waren verwirrt, fuhren zum Mittagessen nach Hause, um sich danach unbeschwert auf den Weg in die Klinik zu machen.