Unordnung im Hause Tod
© Stürmchen

...bzw. die Geschichte des Haus- und Hoftrolls und wie es dazu kam...

Es begab sich zu einer Zeit, in der die Welt scheinbar nichts erschüttern konnte, an einem eisigen Winterabend, an dem die klirrende Kälte des Windes an den Fenstern rüttelte und eine gemütliche Runde vor dem Feuer saß und schwatzte. Damals sollte es wie die Ruhe vor dem Sturm sein. Aber an diesem Abend wusste das noch niemand so richtig. Während die gesellige Runde wieder einmal ihren Gedanken frönte und der Blutwein schon ein bedächtiges Rot auf einige Gesichter zauberte, klopfte es an der Türe. Verwundert darüber, dass zu dieser späten Stunde noch jemand unterwegs war, erhob sich der Herr des Hauses mit einem leisen Seufzen und knochigem Geklapper, um furchteinflößend zur Türe zu schreiten. Seine leere Hand öffnete. Zum Vorschein kam zwischen Schneewehen und dem Atem des Windes ein in Lumpen gehülltes Etwas, wie man es so noch nicht gesehen hatte. In Schüchternheit und Zurückhaltung bat es schließlich um Einlass, da wohl um diese Uhrzeit keine Unterkunft mehr zu finden war. Der Gastgeber schaute fragend in die mittlerweile verstummte Runde. Nach einem röchelndem Räuspern seinerseits und dem ebenso stummen Nicken ihrerseits, beschloss man die jämmerliche Gestalt, die irgendwie zart und gebrechlich wirkte, einzulassen.

Tods Haus uns seine Geschichte....

Wie man weiß, ist der Tod ein sehr einsamer Mann. Seine einzigen Interessen liegen in seinem Garten, mit der toten Erde, den er mit Hingabe hegt und pflegt und natürlich in seinem schwarzen Ross. Dessen Namen kennen leider nur die wenigsten Leute, denn bevor sie fragen konnten, hatte der Tod sie ja längst mit sich genommen. Der Tod wohnt in einem sehr kleinen gemütlichen Haus, was für den Beruf des Todes eigentlich eher ungewöhnlich ist, denn man stellt sich sein Heim irgendwie tödlich vor. So mehr in Richtung einer depressiven Verstimmtheit. Wände, die nach einem fassen, wenn man ihnen zu nahe kommt oder das Flüstern längst gestorbener Menschen, deren unglückliche Seelen immer noch herumgeistern und von den Wänden widerhallen. Nein, bei ihm ist es sehr gemütlich und seit dem wir uns Nachts im Sommer begegnet sind, besuche ich ihn öfter und zwar meist mit meiner Freundin der Knochin, denn Knochen verbinden wie man weiß. Na ja, der Tod und die Knochin haben sich gesucht und gefunden. Anscheinend bahnt sich da eine Romanze an. Unglaublich, der Tod und die Liebe. Da dringt wohl wieder die Sehnsucht nach Menschlichkeit durch.

Aber zurück zu Tod's Leben und seinem Zuhause. Sehr beschaulich ist seine ganze Einrichtung, denn er besitzt einen sehr ausgeprägten Geschmack und ist zudem ein Schöngeist, wie man ihn nur selten findet. Sein Haus hat nicht viele Zimmer und es ist zwar einfach eingerichtet, besonders weil Tod aufgrund seines Berufs viel unterwegs ist und meist hat er wenig Gäste. Man ist ihm eher scheu und ängstlich gegenüber, aber eigentlich nur so lange, wie man ihn noch nicht kennt. Als ich ihn zum ersten Mal traf ging es mir nicht anders, er stellte für mich eine Bedrohung dar, etwas unantastbar Finsteres hatte er an sich. Und aus welchem Grund er an diesem einen Abend zu mir Vertrauen fasste, ich weiß es bis heute nicht.

Wieder zurück zu seinem Haus. Wenn man sein Haus betritt, steht man direkt in der Vorhalle. Seltsamer Weise gibt es im Haus keine Treppen, es sieht zwar von außen quadratisch aus, jedoch sind die Räume eher kreisförmig angeordnet, manchmal weiß man auch nicht, wohin die nächste Türe führt, aber irgendwann hat man das System raus. Fangen wir mal mit der Küche an, die der Haustür auf der linken Seite am Nächsten liegt. Sie ist klein, eng und es riecht eher muffig darin. Denn Tod scheint nicht wirklich ein begnadeter Koch und Esser zu sein. Mehr Schein als sein sozusagen.

Auf der rechten Seite befindet sich das Wohn- und Kaminzimmer. Es ist dunkel, aber bequem eingerichtet mit einem schönen großen verußten Kamin, der bedächtig schon einige Jahrhunderte überlebt . Auch die Möbel scheinen aus einer altertümlichen Zeit zu stammen. Es gibt Ohrensessel in dunkelgrüner Farbe, die ein Wenig angestaubt wirken, aber nur auf den ersten Blick. Sobald man sitzt, beschleicht einen der Gedanke, nicht mehr woanders hinzuwollen. Man versinkt regelrecht in ihnen. Sie üben eine hohe Anziehungskraft auf einen aus.

In dieser Art und Weise gibt es einige Sitzgelegenheiten, jedoch alle zueinander passend. Ansonsten gibt es dort keine Regale, sondern nur Schränke. Die sich von selbst öffnen oder schließen, wenn man vor ihnen steht und etwas verlangt. Wie gesagt, befindet sich dort drin auch nur das Nötigste. Falls, was sehr selten vorkommt, Gäste kommen. Tod sitzt in seiner freien Zeit zwar oft hier und liest ein Buch, aber er ist nicht sehr anspruchsvoll, fühlt sich jedoch wohl in dieser Umgebung. Wenn man den Blick weiter schweifen lässt, tauchen urplötzlich hier und da ein paar knochige Figuren in Form von Gemälden an den Wänden auf. Die, sobald man den Blick von ihnen nimmt, in eigenartiger Weise mit der Wand zu verschmelzen scheinen. Die Wände sind mit Vorsicht zu genießen, vor allem wenn sie schlechte Laune haben. Sie bestehen aus kahlen Steinen, die immer wieder anders aussehen, wie gesagt, je nach Laune. Tod hat es mal mit einer Tapete versucht, so im 70er Jahre Stil, aber die Wand hat sie aufgefressen.

Die Gemälde zeigen somit Tods Verwandtschaft, obwohl ich noch niemals jemanden davon zu Gesicht bekam. Laut Tod ist sie auch eher scheu und zurückhaltend, er selbst mag die Einsamkeit und legt nicht besonderen Wert auf sie, weil sie ihn ständig bedrängen, da er ja immer noch Junggeselle ist.

Noch zu erwähnen wäre die Eigenwilligkeit der Fenster, von denen es im Haus nicht grad sehr viele gibt. Denn tritt man zu ihnen, um vielleicht herauszuschauen, hört man sie ständig flüstern und schwätzen. Ein regelrechtes lautes Murmeln mit unzähligen Stimmen. Aber das ist noch nicht alles, der wirkliche Eigensinn besteht nunmehr darin, dass sie den Blick nach außen so gestalten, wie es ihnen gerade Freude bereitet. Dann tuscheln sie aufgeregt miteinander und man kann nie sicher sein, was man erblickt, denn zwischen Trugbild, Illusion und Wirklichkeit besteht meist kaum ein Unterschied.

Zu dem besitzen auch die gesamten Möbel im Haus noch ein paar Besonderheiten. Wenn man sich mit einem Möbelstück näher befasst, fällt einem auf, dass es meistens an der selben Stelle steht, insofern man nicht neueingerichtet oder umgestaltet hat. Aber diese natürlichen Gesetze herrschen in Tods Haus nicht, da hat jedes Möbelstück seine eigene Persönlichkeit und seine eigene Auffassung, wo es zu stehen hat. Und wenn es ihm gerade mal wieder langweilig ist, fährt es schon mal seine in sich versteckten knubbeligen Füße aus und platziert sich neu oder vertritt sich einfach mal die Beine. Noch habe ich nicht den Trick erkannt, wie sie das machen. Entweder man kommt gerade herein und es herrscht noch ein regelrechter Stuhlverkehr oder es sieht schon alles ganz anders aus. Das meinte ich auch damit, dass man nie weiß, was sich hinter der Tür verbirgt, die man in völligem Leichtsinn und Unbedachtheit öffnet.

Direkt gegenüber der Haustür befindet sich das Esszimmer, damit verhält es sich ähnlich wie mit der Küche, das dient auch in keiner Weise dem wohlbekannten Zweck. Hier findet sich ein langer Tisch, ein paar Regale und Schränke, mehr oder minder wie im Wohnzimmer. Über dem Tisch hängt ein großer, schwerer Kronleuchter. Natürlich aus einzelnen Knochen und Schädeln gemacht. Man merkt auch hier wieder, dass der Möblierung schrecklich langweilig ist, da sie ja selten zum Einsatz kommt. Deshalb herrscht dort absolut keine Ordnung mehr. Der Kronleuchter ist sogar öfter betrunken und singt unkeusche Lieder, als das er den Raum beleuchten würde.

Hinter dem Esszimmer führt ein langer kreisförmiger Korridor durch die hintere Hälfte des Hauses und endet in Tods Schlafzimmer. Als ich das erste Mal dieses Zimmer betrat, war ich mehr als erstaunt, denn es entsprach nicht im Geringsten meinen kühnsten Vorstellungen. Dass hier etwas anders war, bemerkte man sofort. Es war einfach normal, nicht düster, nicht knochig, sondern sehr menschlich. Ein hoher, heller, lichtdurchfluteter Raum, der gütig und warm wirkte. Mit hellen Vorhängen, schweren Teppichen, die jeden Laut verschlangen, ein Eichenschrank, wo er seine Kutten aufbewahrte, denn mehr besaß er nicht. Das war wohl auch der Grund, warum er manchmal etwas zerschlissen und mufflig schien.

Darüber hinaus stand im Zimmer noch eine Kommode mit einer Menge Familienphotos, unter anderem Tod als kleines entzückendes Kind. Das Bett war groß, so ähnlich wie man es sich von Königen vorstellt, mit mehren Schichten Laken, Decken und Kissen. Obwohl ich denke, dass Tod nicht unbedingt Wert auf Bequemlichkeit legt. Neben dem großen Schrank stand auch ein Gestell, in dem die Sense, auf Hochglanz poliert, ihren Platz einnahm. Was mir jedoch auffiel, war der Geruch im Zimmer, weder kalt noch tödlich, sondern sogar sehr blumig. Im gleichen Moment sah ich damals einen großen duftenden Blumenstrauß direkt auf einem Tisch neben seinem Bett stehen. Überall im Zimmer hingen allerlei Mitbringsel der Menschen aus verschieden Jahrhunderten. Und wieder beschlich mich das Gefühl, dass er sich mit seinem Schicksal unwohl fühlte.

Genau in der Mitte des Hauses befindet sich die Bibliothek und sie ist nur durch Tods Schlafzimmer zu erreichen. Die Bibliothek ist wieder in den dunklen Farben der andern Zimmer gehalten. Endloserscheinende Bücherregale reichen meterhoch in den Raum, der kaum ein Ende findet. Im Zimmer ist es trüb, denn die Regale tilgen alles Helle. Lediglich weit oben bildet eine Glaskuppel den Abschluss des Hauses und ein schmaler Lichtstrahl dringt nach unten. Von außen wirkt das Haus sehr flach, denn es gibt nur das Erdgeschoss und erreicht wirklich nie diese Höhe. Einen Keller besitzt Tods Hütte ebenfalls nicht. Nicht zu vergessen ist der Stall von seinem Ross, ein gewöhnlicher Stall wie jeder andere, der zur Linken des Hauses zu finden ist. An der rechten Seite des Hauses erstreckt sich der Länge nach der Garten. Er ist verwildert, mit versteckten Ecken und einer moosbewachsenen Mauer, die ihn umschließt und begrenzt, denn auch er beherbergt ein reges Innenleben.

Die Gesellschaft....

Die illustre Gesellschaft des besagten Abends bestand aus einer wunderbaren Vielfalt. Geladen, wie man weiß, hatte der Tod. Jedoch nicht aus freien Stücken, denn die Knochin und ich wollten ihm gerne unsre Bekannten und Freunde vorstellen. Die Knochin kam wie gewohnt mit ihrem treuen Gefährten dem Wolf, der normalerweise nie von ihrer Seite wich. Erst recht nicht, wenn Tod in der Nähe war. Denn der Wolf wurde zusehends eifersüchtig auf ihn und man sollte es besser nicht wagen, die beiden allein im Raum zu lassen. Es wäre einfach unschön die einzelnen Knochenteile vom Boden aufzulesen. Außerdem war da noch die magische Gesellschaft. Sie im Einzelnen aufzuzählen, wäre sehr schwierig, vor allem möchte ich mich nicht unbeliebt machen. Jedoch sei versichert, dass es mit ihnen nie langweilig wird, denn sie sind ziemliche Workaholics und die reinsten Koryphäen auf ihrem Gebiet. Und obwohl man sich die Gelehrten meist mit langem Bart, irgendwie verknöchert, alt, konservativ und greise vorstellt, so war das bei keinem von ihnen der Fall. Ganz im Gegenteil sogar, jung, dynamisch, aufregend. Gäste waren auch Substanzen, die einfach nur in der Luft herumschwebten und das Leben lebenswert und glücklich machen sowie die gutmütigen Seelen, die immer für einen Streich und Überraschungen gut sind. Dann waren da noch die Träumer, Philosophen und Denker. Bei denen es stets eine Freude ist, ihnen zu zuhören, mit ihnen zu reden und sich auf gemütlicher Ebene auszutauschen. Kostbare Momente, bei denen man jedes Mal erneut nicht zu ahnende Besonderheiten entdeckt. Alles in allem eine interessante Mischung der verschiedensten Charaktere.

Die anfängliche Spionage

Da saß nun dieses Geschöpf, sich an einen Tee klammernd und tief versunken in einem der Ohrensessel. Die Gesellschaft war mittlerweile vollends verstummt, denn keiner wagte zu reden, obwohl ihre Zungen vorher mehr als gelöst waren. Alles was man hörte, waren die Fenster und ein ungeduldiges Scharren der Möbel, denn gerade begann es in der Runde interessant zu werden. Alle starrten gespannt auf das Etwas, bis schließlich die Knochin, immer noch ein Wenig angeheitert, aus sich heraussprudelte. Damit ging das rege Treiben im Kaminzimmer weiter und keiner kümmerte sich mehr großartig um das Geschöpf, dass nicht aus dieser Welt zu sein schien. Es saß ruhig im Sessel, hörte zu und blickte ab und an interessiert und lauschte den Gesprächen, jedoch mit sehr wachen, seltsam in sich absorbierenden Augen.

Annahmen über das Geschöpf beruhen auf visuellem Eindruck und der Selbsteinschätzung meinerseits...

Das Geschöpf war klein, zerbrechlich und sah aus wie ein Vagabund. Ausgemergelt, zersaust und in Lumpen gehüllt. Es schien schon einige Zeit umherzuziehen, war jedoch höflich, wenn es mal was sagte. Die meiste Zeit verhielt es sich allerdings zurückhaltend und still. Denn das war seine Art, bevor man sich nicht auskennt, sollte man auch nichts sagen. Man könnte jemanden vor den Kopf stoßen, oder sehr intolerant sein.

Das Geschöpf hatte einen längeren Weg hinter sich, wobei es sich des Öfteren an heimeligen Orten für eine Weile niederließ, sich einlebte, heimisch wurde. Jedoch nur für eine geraume Zeit. Denn die Menschen, bei denen es Einlass fand, waren nur mehr der Schein von Herzlichkeit, als dass sie die Wahrheiten wussten und sie auslebten. Nein, sie waren eingebildet gewesen, hatten immer Recht und behielten es sich vor, das Geschöpf hinauszuwerfen und auszusperren, wenn es darauf ansprach und ungemütlich wurde. Eine seltsame Rasse, die Menschen, so sagte es sich oft zu sich selbst, eine Rasse, deren Wahrheit aus Verblendung und Scheinwelten bestand. Dass war einer der Gründe des Geschöpfs, warum es dem entgegenwirken wollte, um den Menschen die Richtigkeit aufzuzeigen.

So kam es schließlich, dass es vor kurzem wieder einmal die selben Dinge erlebte, ausgeschlossen wurde und weiterzog, bis zu diesem Abend, als es an Tods Haus vorbeikam.
Neugierig trat es näher, schaute sich um. Sah den unter Schnee liegenden verzauberten Garten, hörte das Ross in seinem Stall scharren, aufgeweckt durch die Geselligkeit des Hauses und den lauten freundlichen Stimmen, die daraus hervor drangen. Es war schon spät und mittlerweile auch sehr kalt, so beschloss es, einen Blick in das Innere des herrschaftlichen Hauses zu werfen.

Am Fenster konnte es die Losgelöstheit spüren, denn die Fenster waren vor Aufregung längst beschlagen und man konnte eine Menge von ihnen erfahren. Später fragte man sich noch, nach all den Geschehnissen, ob die Fenster sich nicht heimlich am Alkohol gelabt hatten und daher wusste man nicht, was die Fenster dem Geschöpf für einen Blick ins Innere gezeigt hatten. Denn das Phänomen des irreführenden Blickes, kann durchaus auch von außen auftreten.
Daraufhin sagte es sich, dass hier eine Menge schlechtes Potential gäbe. Denn es ging ihm nicht in den Kopf, dass so viele unterschiedliche Wesen und Menschen, die offensichtlich grundverschieden waren, so gut zueinander passten, dass eine solche fröhlich wirkende Runde entstehen konnte.

Mit diesen Gedanken wendete es sich ab und schritt gemächlich, aber bestimmt zur Haustüre.

Aufbruch

Nach und nach begannen sich die Gäste zu verabschieden. Es war längst weit nach Mitternacht und niemand bemerkte, dass auch das Geschöpf verschwunden war. Der Tod geleitete ein jeden hinaus und verabschiedete sich. Er schien wohl gut gelaunt zu sein, denn er hatte sein düsterstes Lächeln aufgesetzt. Die Magischen gingen zusammen mit den Denkern und Philosophen und man hörte sie noch lange lautstark im Dunkeln der Nacht diskutieren. Auch sie mochten sich wohl gesucht und gefunden haben. Substanzen und Seelen schwebten zufrieden aus dem Haus und verloren sich in der Kälte des pfeifenden Windes. Zurückblieben schließlich der Wolf, die Knochin, der Tod und ich. Denn wir würden über Nacht bleiben, der Weg auf die Erde war um diese Uhrzeit doch zu gefährlich, denn allerlei Wesen spukten draußen herum. Der Wolf hockte mürrisch neben der Knochin und beäugte funkelnd den Tod. Wie er seufzend mit zusammengefalteten Händen vor dem Kamin saß und leise vor sich hin summte. Die Knochin dagegen beobachtete ihn die ganze Zeit, um nicht zu sagen, dass sie ihn anstarrte, immer wenn er nicht hinsah natürlich. Es war seltsam in dieser friedlichen Runde, die normalerweise so furchteinflößend sein sollte. Nach einer Weile räusperte ich mich leise, denn offensichtlich gab es nur noch die Knochin und den Tod im Raum. Der Wolf blickte verwundert, verstand dann aber, als er einen freundschaftlichen Stups bekam und trottete dann einsichtig hinter mir her, obwohl er sich ein leises Knurren nicht verkneifen konnte.

In der Eingangshalle verabschiedeten wir uns, der Wolf trabte hinaus in den Schnee zum Stall, um im Stroh sein Lager aufzuschlagen, in der Hoffnung, dass das Ross es nicht für sich allein beanspruchte. Mir hatte man dagegen eine Liege in der Bibliothek aufgestellt. Mit einem Kerzenleuchter in der Hand machte ich mich auf den Weg. Im Esszimmer war es sehr still, alle schienen nun doch zu schlafen. Ein Wenig ängstigte ich mich doch, als ich den langen dunklen Flur entlang schritt und ich kein Geräusch außer meinen Schritten zu hören vermochte. Schnell würde ich sicher einschlafen, zwischen all dem Pergament, den Büchern und dem Geruch nach Altem und Verborgenen, was mir jeden Tag heimeliger wurde.

Morgendlicher Aufruhr in der Küche

So verlief auch die Nacht ohne größere Zwischenfälle und als ich am nächsten Morgen die Küche betrat, saß dort das Geschöpf vor seinen Cornflakes, denn Tods Diener hatte endlich mal was Nahrhaftes eingekauft. "Guten Morgen", sagte ich. Etwas verschreckt blickte es mich an, da es wohl dachte, dass so früh noch keiner auf war. Jedoch nickte es und erwiderte auch mit einem "Guten Morgen". Der Kaffee rauschte längst durch die Maschine und versprühte seinen süchtig machenden Duft. In der Küche war es warm und es roch lebendig und belebt. So setzte ich mich ebenfalls an den Tisch und begann zu frühstücken. Nach einer Weile des Schweigens schob mir das Geschöpf ein, wohl oftmals gelesenes und benutztes, Buch hin. "Schau!", sagte es zu mir. Ich nahm es in die Hand und erkannte, dass es mein eigenes war. "Das habe ich aus der Bibliothek, es lag auf einem der Tische." In diesem Moment fehlten mir die Worte, denn wie konnte ich seine Anwesenheit nicht bemerkt haben. "Hm.", sagte ich und drehte es bedächtig in den Händen und blätterte darin. "Das ist von Dir?", fragte es. "Ja.", sagte ich. "Ich wusste gar nicht, dass Tod ein Exemplar hat." Daraufhin sprudelte es aufweckt heraus und stellte so viele Fragen zu den Gedichten, es wollte die Gründe wissen und legte mir Dinge in den Mund, die so nicht wahr waren. Es erschlug mich mit seinen Ansichten, dass ich kaum antworten und widersprechen konnte. Dabei aß es und fuhrwerkte mit den Händen in der Luft herum, dass ich nicht mal alles verstand, was es mir da erzählte. Dann sprang es unvermittelt auf und schlug mit voller Wucht auf den Tisch und brüllte: "Und all das, was Ihr wisst, ist falsch und ich sage Euch die Wahrheit!". Erschrocken konnte ich dem nichts erwidern. Das Geschöpf grabschte nach dem Buch, drückte es mir in die Hand , jetzt wieder freundlich und höflich, sagte es zu mir: "Ich habe Dir alle Stellen markiert, deren Sinn und Antwort Du noch ergründen musst. Außerdem habe ich Dir überall Kommentare hingeschrieben. Lies und verstehe es, denn das ist die Wahrheit." Mit diesen Worten stolzierte es aus der Küche heraus und alle Töpfe waren erschreckt und mir ging es nicht anders. Sein plötzlich aufflackernder Zorn hatte mich verstört und verschreckt.

Und schon ging wieder mit einem Knall die Tür auf und ich zuckte zusammen, gefasst auf das, was mich jetzt erwartete. Aber es war nur eine gut gelaunte, aufgedrehte Knochin. Schnell schob ich das Buch außer Reichweite, aber ich wusste längst, dass sie es gesehen hatte und meinte: "Du siehst ja aus, als hättest Du einen Geist gesehen, alles klar?" "Ja, ja, schlecht geschlafen oder so.", murmelte ich abwesend und beschloss einen Spaziergang durch den Schnee zu tun. Die Knochin schaute etwas verwirrt, anscheinend hatte sie mir von letzter Nacht noch eine Menge zu berichten, aber sie sagte nichts weiter und ich verlies den Raum.

In der Bibliothek

Ungefähr zur gleichen Zeit, arbeitete Tod in der Bibliothek. Es war ja Wochenende, aber am nächsten Tag musste er schon wieder arbeiten, so schaute er sich den Plan der kommenden Woche an. Er bemühte sich immer, ein Wenig über die Menschen herauszufinden, denen bald das letzte Stündlein schlagen sollte. Er versuchte stets, es ihnen so angenehm wie möglich zu machen und dabei verzehrte er sich nach dem Gedanken Mensch zu sein. Vielleicht war er mittlerweile auf dem Weg dahin, denn er hatte am Tag zuvor wundervolle Menschen kennen und lieben gelernt. Und was noch viel wichtiger war, er fühlte

Von Pferden und Wölfen

Die Sonne schien und es war ein schöner winterlicher Tag. Ich saß draußen vor dem Haus und schaute dem Wolf zu, wie er dem Ross einige Tricks beibrachte und ihm einen Haufen von Geschichten erzählte. Ab und an warf es amüsiert den Kopf zurück und wieherte so laut, dass der Boden vibrierte. Wenigstens hatte es bei den beiden nachts keinen Ärger gegeben. Pferde und Wölfe soll einer verstehen und sonst war niemand zu sehen. Das Geschöpf ließ sich nicht blicken und die Spuren im Schnee waren auch alle so durcheinander, dass man keine einzige hätte nach verfolgen können. In den Garten traute ich mich alleine nicht, vielleicht versteckte es sich dort. Aber die Pflanzen, die Tod anbaute, besaßen auch einen recht eigenen Willen und manchmal verspeisten sie genüsslich, was ihnen gerade zwischen die Blätter kam und ich wollte nicht unbedingt einsam und verlassen in einem Magen landen und ewig darin verdaut und zersetzt werden. Im Haus herumschnüffeln wollte ich dann auch nicht.

So beließ ich es dabei und machte mich kurz darauf mit der Knochin und dem Wolf auf den Heimweg.

Vorbereitung

Eine Woche verging, ohne das irgendetwas geschah. Der Tod und die Knochin schwebten weiterhin auf Wolke sieben. Sie trafen sich und unternahmen etwas so oft es die Zeit zuließ. Mittlerweile hatte ich der Knochin mein Erlebnis erzählt, doch sie meinte, ich müsste mir keine Sorgen machen und anscheinend wäre es ja sowieso längst verschwunden. Doch Tod merkte öfter mal an, dass er sich in seinem Haus beobachtet fühlte. Daraufhin lachte meistens die Knochin und meinte, es wäre kein Wunder, denn die Wände würden nun doch Ohren und Augen besitzen. Aber mir schwante, dass es bis zum nächsten Schlag des Geschöpfs nicht lange hin sein würde.

Das Geschöpf hatte die ganze Woche in der alten Uhr mit dem Knochenspiegel in der Eingangshalle verbracht und lauschte allem, was im Hause vor sich ging. Den Kobold in der Uhr, der normalerweise die Zeit ansagte, hatte es beknien müssen, damit er es gewähren ließ und Ruhe behielt. Letzte Nacht war es rund um das Haus unterwegs gewesen und hatte sich noch einmal alles angesehen. Tods Wochenrhythmus kannte es jetzt und da er sowieso mit der Rosarotenbrille umherschritt, war es ein Leichtes unbemerkt Pläne zu schmieden. "Was ist das, dass Tod die Liebe findet unter seinesgleichen, das ist ja kaum zum Aushalten. Der Tod, der Mensch sein will, dass ich nicht lache. Der Tod, die trübste und erhabenste aller männlichen Gestalten, dessen Wort auf der Welt nichts wiegt. Er mag über die Toten herrschen, was schlimm genug ist. Aber über die Knochin und alle lebenden Frauen, wie diese Sturmgestalt, wird er das in Kürze nicht mehr. Wenn ich erst mit ihm fertig bin, wird er schon merken, was er für ein erbärmliches Dasein führt. Aber vor allem die lachhafte eigenwillige Einrichtung im Haus und der Garten, so was habe ich noch nicht gesehen.", murmelte das Geschöpf in der Uhr zornig vor sich hin. Es hatte diesen Platz gewählt, da die Wände es hier nicht hören konnten. "Und die Fenster erst, denen werde ich eine Lektion erteilen und den gefräßigen Wänden.", knurrte es, während seine Augen funkelten, denn Fenster und Wände hatten ihm übel mitgespielt.

Am Abend der Gesellschaft wollte sich das Geschöpf in einem unbeobachteten Moment eigentlich aus dem Zimmer stehlen, als plötzlich die Wand unvermittelt ihren Schlund auftat und es komplett verschluckte. Niemand hatte es bemerkt und niemand hatte es gestört. Nun saß das Geschöpf irgendwo im Gemäuer und fluchte über seine eigene Unachtsamkeit. Erst versuchte es, einen Weg aus der Dunkelheit zu finden, jedoch fand es sich nicht zurecht und stolperte ständig über irgendwelche Knochenreste. Also folgte es dem Flüstern bis dicht an die Wand und begann zu reden, der Wand eine Predigt zu halten, die sie so schnell nicht vergessen würde. Eine halbe Stunde dauerte es und die Wand spuckte das Geschöpf mit einem hustenden Brechgeräusch wieder aus sich heraus und zwar direkt in die Bibliothek.

Ein Ausflug

Der Tod und die Knochin beschlossen an diesem Wochenende eine Tour mit dem Schlitten zu unternehmen. Davon war das schwarze Ross jedoch wenig begeistert und heulte dem Wolf schon Tage vorher die Ohren voll. Denn es war nicht der Ansicht, wie ein Droschkengaul die Herrschaften durch die Gegend zu kutschieren, nur weil Tod meinte, dass es romantisch sei. Was sollte wohl die feine Gesellschaft der Rossvereinigung dazu sagen, der nur die edelsten und vornehmsten Rösser vom besten Stand angehörten. So weigerte es sich auch an jenem Morgen sich zäumen und vor den Schlitten spannen zu lassen, es wäre Freiheitsberaubung und eine Verletzung seiner persönlichen Bedürfnisse und man würde es damit zum Gossenniveau abstufen, das wäre noch nicht mal mehr bürgerlich. Aber der Tod ließ nicht mit sich reden, er wollte der Knochin schließlich was bieten, also musste sich das Ross fügen, denn Widerstand war zwecklos. Nach einer Weile zuckelten sie dann gemächlich los. Tods Diener hatte frei und der Wolf vergnügte sich anderweitig, weil er sich das Anschmachten der beiden Turteltäubchen ersparen wollte. "Wenn das nicht die Gelegenheit ist.", raunte es zwischen den Sträuchern im Garten hervor.

Der Beginn der Verwüstung

Nachdem Stille eingekehrt war und man sicher sein konnte, dass wirklich keiner mehr da war, kam das Geschöpf aus dem Garten. Erst vorsichtig schlich es zum Haus, aber alles schien verlassen. So ging es zum Stall, holte einen großen Sack heraus und schleifte ihn mit sich ins Haus. In der Eingangshalle schüttete es den Sack aus. Er enthielt Spraydosen, Seile, Fesseln, Tapeten, allerhand Werkzeug und ein Stoffbündel. Sorgfällig packte das Geschöpf das Bündel aus und entfaltete es. Außerdem schälte es sich aus seinen Lumpen und zum Vorschein kam ein hässlicher Troll mit spitzen gelben Zähnen, schiefem Maul, einer überdurchschnittlichen markanten Nase sowie großen, doofen Ohren. Überall hatte er Warzen, war übersäht mit Narben und seltsam beharrt war er und es umhüllte ihn ein verwesender Geruch. Der Anblick war einfach abscheulich. Er grunzte und atmete schwer. Man hatte fast Mitleid mit ihm, so wie er da völlig nackt und erbärmlich in der Halle stand. Der Kobold in der Uhr, saß ganz hinten und rührte sich nicht. Durch das ganze Haus ging ein seltsames ängstliches Raunen.
Bedächtig hob er nun den Inhalt des Bündels hoch. Das veranlasste sogar die Wände, die Augen aufzureißen, denn was der Troll da in Händen hielt, war doch tatsächlich ein Superheldenkostüm. Ein großes T zierte die Brust des Kostüms und es hatte eine in den augenschmerzende gelblich rote Warnfarbe.

Nachdem sich der Troll nun in sein sehr enganliegendes, abzeichnendes Heldenkostüm gezwängt hatte, überlegte er, welchen Raum er sich nun als erstes vornehmen sollte. Er ging nach dem, was ihm am meisten zu gesetzt hatte und das waren nun mal Möbel, Fenster und Wände. So fiel die Entscheidung auf das Kaminzimmer. Die Möbel sollten zuerst dran glauben, denn sie konnten sich bewegen und er wollte sie schleunigst aus dem Weg geräumt haben. Er kam ins Zimmer und packte das Möbelstück, was ihm als nächstes vor seine stinkende Trollnase lief und warf es auf den Rücken und band blitzschnell die zappelnden Füße zusammen. So war es nicht mehr in der Lage sich noch irgendwie zu bewegen. Dies tat er auch mit allen anderen befußten Möbeln im Zimmer. Nach diesem Durcheinander, denn die Möbel versuchten natürlich zu entkommen, widmete er sich den Fenstern. Die sprayte er zu mit schwarzer Farbe, denn so konnten sie keinen Blick mehr zeigen und würden außer den Stimmen und Geräuschen nichts mehr mitbekommen. Sie hatten ihm nämlich allerhand gezeigt, als er am Abend der Gesellschaft hineinsah. Die Wände beklebte er mit Tapeten zu, die er eigenhändig präpariert hatte. Sie waren unelastisch mit eingebauten Stahlstreben, sodass die Wand sie nicht auffressen konnte und es somit über sich ergehen lassen musste. Ein paar Mal wurde er gebissen und fast wieder verschlungen, aber diesmal war er schlauer, denn er hatte eine massive Eisenstange dabei und steckte diese der Wand immer dann zwischen die Backen, wenn sie wieder drohte ihn zu verschlingen. Clever, das war wohl dieser Troll. Alle jammerten über ihr neues Elend und über ihre Zwänge, die ihnen nun auferlegt waren. Doch der Troll erfreute sich an ihrem Anblick und war höchst zufrieden. Wobei er danach noch ein totales Chaos im Zimmer anrichtete, er sprayte alles voll und räumte alle Schränke aus und hüpfte wie ein Irrwisch zwischen den bewegungsunfähigen Möbeln herum. Er trat gegen alles, was ihm vor die Füße kam, nichts war vor seinem Zorn und seiner Wut sicher. "Das war der erste Streich!", brüllte er der ängstlich wimmernden Einrichtung ins holzige Gesicht. "Und der zweite folgt sogleich!", sagte er und verließ gutgelaunt und äußerst verschmitzt das Zimmer.

Der Troll öffnete die Türe und blitzschnell sah er einen Teil der Einrichtung nach draußen verschwinden. Anscheinend hatten sie seinem Tun gelauscht. "Ja, so ist es gut, habt nur Angst ihr kleinen Biester, jeder von euch wird noch rechtzeitig seine Strafe bekommen!". Lange musste er nicht überlegen, in welches Zimmer er nun verwüsten würde. Tods Schlafzimmer musste jetzt Ort des Schaffens und der Kunst werden. Denn dort gab es eine Menge zu wandeln. So durchschritt er das schon leere Esszimmer, wobei er ein wenig Bedenken hatte, da das Zimmer möglicherweise für seinen Fluchtweg versperrt werden würde. Jedoch hatte das Haus wohl zu viel Angst, als dass es sich kurzfristig auflehnen mochte. So hüpfte er schelmisch durch den Flur, bis zu dem noch wunderschönen lichtdurchfluteten tödlichen Schlafgemach.

Mit einem bedächtigen befriedigten Seufzen öffnete der Troll die große, schwere Türe zu Tods Schlafgemach. Fein säuberlich packte der Troll nun seine Werkzeuge aus. Dabei wurde ihm schlecht, denn dieser ekelhaft blühende Gestank im Zimmer, war ihm so zuwider. Lange überlegte er, was er dagegen tun sollte. Da es im Haus zu seiner Verwunderung kein bisschen Chemie gab, wusste er nicht, wo er was hernehmen sollte. Natürlich hatte er über den Mist des elenden Rosses nachgedacht, aber so ein paar Gauläpfel würden nicht die erwünschte Wirkung erzielen. Ratlos stand er im Zimmer und überlegte und überlegte. Dabei fiel sein Blick zum Fenster. Vorsichtig und misstrauisch wagte er sich an eines heran. Es war still und der Blick nach Außen war klar. Auch im Zimmer gab es keine Möbel mit Füßen. Das war ihm noch gar nicht aufgefallen. So stand er am Fenster und schaute in den Garten. Er suchte nach einer ganz bestimmten Pflanze.

Der unbedachte Klee

Er traute sich jedoch nicht mehr, nur einen Schritt in die Wildnis zu setzen, zu viel Respekt hatte er vor diesen heimtückischen Pflanzen dort draußen. Griesgrämig murmelte der Troll vor sich hin, er wusste nicht genau, nach welchem stinkenden Pflänzchen er suchte, jedoch musste es so etwas ähnliches wie eine Stinkmorchel sein. Aber so wie es schien, hatte auch Tods Garten wohl seinen Geschmack. Hilflos stiefelte der Troll in seiner grässlichen Kostümierung hinter dem Fenster im schützendem Innenraum auf und ab. Plötzlich hörte er ein dünnes, weinerliches Stimmchen. Wieder sah er nach draußen und hielt Ausschau. Was er nun sah, übertraf seine kühnsten Erwartungen. Im Inneren des Gartens gab es einen kleinen, versteckten Teich und an dessen schlüpfrigen Ufern sah der Troll einen zusammengesackten Klee vor dem Spiegel des Wassers hocken.

Der Troll überlegte angestrengt, wie er nun zum Teich hinübergelangen sollte, ohne dass die Pflanzen ihn zu fassen bekamen. Wenn er laut nach dem Klee rufen würde, machte er somit unweigerlich auf sich aufmerksam und genau das wollte er ja vermeiden. Ihm blieb also nichts anderes übrig, als darauf zu warten, dass der Klee vielleicht in seine Richtung käme. So saß er am Fenster und hörte der jammernden Gestalt zu: "Ich schaue ins Wasser und sehe nichts als ein grünes, vierblättriges Etwas, das nicht ernst genommen wird. Ein Etwas, das von gehässigen und vor allem gefräßigen Pflanzen den ganzen Tag gepiesackt wird, ohne dass es sich wehren kann. Sogar der nächtliche Mond lacht mich aus, so oft ich ihn auch zu ergründen suchte. Vor kurzem schimpfte ich hier im Schutze Deines Schilfes den ganzen Tag über mein erbärmliches Leben und regte mich auf, dann plötzlich kam ein verwundeter Wind herangeeilt. Er glich wohl mehr einem Sturm windigen Schrittes, und fragte mich, was der Grund für meinen Unmut sei. Und? Was sollte ich ihm schon antworten? Ich wusste es auf einmal nicht mehr. Ach, tiefes, stilles Wasser, wenn ich doch nur Deine Weisheit hätte, wenn Du mir doch nur antworten könntest." Der Klee seufzte herzzerreißend laut auf, dass es dem Troll durch Mark und Bein fuhr. Warum hatte er sich bloß gerade diesen Klee ausgesucht. "Mein ruhiges Wasser, mein stilles Wesen, von Dir empfange ich all meine Kraft und meinen Lebensmut. Aber wie kann ich sein, wenn ich nicht weiß, wer da in mir geht? Wenn ich mich nicht in mir finden kann? Und bin ich komisch, dass ich vier Blätter habe, vier schöne, die sich anmutig wie Engelsschwingen im Wind bewegen? Und ich bin von grüner Farbe, wie schon jeder andere Klee vor mir, doch kann ich in diesem Garten keinen anderen finden, bin ich der einzige? Ach mein stiller Tümpel, ich sehne mich nach mehr, wie nur nach dieser Einsamkeit hier, nach Unterhaltung. Ich werde nun wieder etwas durch den Garten wandern, dem Treiben des Hauses zusehen. Aber morgen, ja morgen, bin ich wieder treu an Deinem Ufer, spiegele mich in Deinem Grund und hoffe zu finden, was ich suche." Und so wallte der Klee in seiner Unbedachtsamkeit, gedankenverloren und unbeholfenen Schrittes in Richtung Haus, ohne auch nur zu ahnen, dass er damit direkt in die Fänge des hässlichen Trolls lief.

Während nun der Klee unter dem Fenstersims vorübertappte, schnappte der Troll mit seinen dreckigen Klauen zu und drückte ihm den mit Warzen übersäten Daumen in den kleinen Mund. "Und wenn Du nur einmal herumjammerst, werde ich Dir jedes Blatt einzeln ausreißen." Schrie der Troll dem Klee ins Gesicht. Nachdem der kleine Klee den ersten Schock überwunden hatte, befreite er sich sogleich unter dem Daumen des Trolls, der völlig von der Kraft dieses Geschöpfes überrascht war. Nichtsahnend schaute der Troll in seine Hand in der sich der Klee plötzlich aufplusterte und sah, wie er sich gierig mit der Zunge über seine kleinen Zähnchen leckte, dass sie nur so blitzten. Es vergingen nur wenige Sekunden, als der Klee mit einer höhnischen Fratze ansetzte und mit voller Wucht zubiss. Der Daumen des Trolls verschwand bis zur Hälfte im winzigen Mund. Erst wurde der Troll knallrot, dann verzog sich sein Gesicht voller Schmerzen, dass er mit einem Wimmern laut aufjaulte. Ohne nachzudenken, entriss er dem Klee seinen zerfetzten, blutenden Daumen und saugte kräftig daran. Der Klee sprang aus seiner Hand, bäumte sich auf und fing an zu toben: "Und wenn Du noch einmal herumjammerst, Du erbärmliches, widerwärtiges, stinkendes Ding, werde ich auch den Rest von Dir auffressen. Ich werde Dich festbinden, Dich solange voll blubbern, bis Dir der Gestank in einem Rinnsaal aus den Ohren läuft und laut um Hilfe schreiend, davon irrt. Anschließend werfe ich Dich den Pflanzen zum Fraß vor, dass sie Dich Jahrhunderte verdauen mögen. Hast Du das endlich kapiert, Du fettes, hässliches Ding von einem Troll. Geh mir aus den Augen, Du ekelst mich an." Der Klee war außer sich, er schrie und tobte durch das Zimmer, brüllte aus Leibeskräften, sprang gegen die Wände, dass es dem Troll Angst und Bange wurde. Irgendwie gelangte es ihm dann, den Klee aus dem Fenster hinaus in den Garten zu manövrieren, er schloss das Fenster, aber der Klee setzte ein ums andere Mal mit solcher Wucht gegen das Glas, dass es nur so klirrte und das Fenster in einem ängstlichen Seufzen erzitterte. Das war wohl der erste und einzige Tag, an dem der Troll vor Entsetzen und Todesangst wimmerte und weinte. In Windeseile raffte er seine Sachen zusammen, verwüstete das, was noch zu verwüsten war, verschwand in einer schwefeligen Wolke und wurde nie wieder gesehen. Der Klee beruhigte sich langsam wieder, atmete schwer, denn so viel Action hatte er seit Jahren nicht mehr gehabt. Er grinste, blickte sich heimtückisch um und rieb erfreut die Blätter aneinander. Danach trabte er gemütlich zurück in den Garten, wo ihm die Pflanzen den gebührenden Respekt zollten und ehrfürchtig nicht einen, nein, gleich drei Schritte zurücktraten. Der Klee gluckste vergnügt: "Na, Ihr alten Schabracken, habt Ihr das gesehen? Kommt mir ja nicht noch einmal zu nahe, sonst wird es Euch nicht anders ergehen. Und haltet Euch vom Wasser des Teiches fern, es ist gefährlich, wie man an mir unschwer erkennen kann." In irrem Gelächter verschwand er im Schilf des kleinen Teiches, dass man die Enten aufgeschreckt gackern hörte. Die Pflanzen blieben jedoch erschrocken zurück, ihre Herzen klopften noch immer so schnell und laut, wie ein Telegraf Morsezeichen gab. Da steckte der Klee doch wahrhaftig noch einmal den Kopf durch den Schilf, gackerte und rief den Pflanzen herrisch zu: "Ja, so aufregend könnte es hier jeden Tag sein, Ihr verschreckten Weiber!", bevor er nun endgültig im Dickicht einen Unterschlupf fand.

Der Troll war verschwunden und der Klee hatte sich tief in den Garten zurückgezogen, um wieder seine Ruhe zu haben. Es warst erst früher Nachmittag, Wilhelm, Tods Diener, kam vor morgen früh nicht zurück sowie auch der Wolf. Ob Tod und die Knochin überhaupt an diesem Tag noch zurückkehren würden, man wusste es nicht. Das Haus wimmerte kläglich, war gefesselt oder gefangen. Es musste ausharren, bis es gefunden werden würde. Niemand aus der Nachbarschaft, die sowieso schon rar angesiedelt war, hatte etwas gehört.

Eine ungewisse Nacht

So wurde es nach Stunden Abend, der Schnee begann wieder zu fallen, er bedeckte Tods Anwesen mit einer unwirklichen Kälte und noch immer war niemand zurückgekommen.

Die Dunkelheit legte sich über Tods Haus, wie ein Bezug über ein Kissen, mit eigenartigen Mustern und einer Stille, bei der man die Pflanzen im Garten verdauen hören konnte. Das Dunkel bauschte um das Grundstück wie Federn im Innern, nur hörte man das Haus nicht niesen, als es etwas davon in die Nase bekam. Obwohl der Schnee in Wagenladungen gefallen war, änderte er nichts an diesem Zustand der Finsternis. Das rege Treiben befand sich weiterhin ohne Hilfe im gefesselten Haus. Wie lange mochte es noch dauern, bis der Tod sie endlich aus ihrer Not befreite. So kam es, dass die Zeit gemächlich vor sich hinkroch und sich strikt weigerte, sich auch nur etwas bis zum Morgen zu beeilen.

Als es endlich zu dämmern begann und die Dunkelheit sich schweren Herzens plätschernd wie Regen, aber sehr zähflüssig in einen Gully zurückzog, brach mit Widerwilligkeit der Tag an, sodass man das Haus gequält seufzen hören konnte, in der Hoffnung, dass der Tod mit seiner Liebschaft bald nach Hause kommen möge. Schließlich stieg auch die Sonne gähnend und gelangweilt aus dem Osten am Himmel auf, streckte ihre Strahlen, als hätte sie Jahrhunderte geschlafen. Ihre Laune war wieder einmal miserabel, sie wollte schon sehr lange aus ihren Zwängen ausbrechen und aus einer anderen Richtung aufgehen. Jedoch tat sie es schleppend ihrem täglichen Trott gleich, auch wenn sie sich ein lautes Ächzen und Grummeln nicht verkneifen konnte.

Die lichtempfindlichen Blumen im Garten stelzten durch die noch vorhandenen Schatten, um ja nicht zu verbrennen. Denn dies erzeugte einen sehr unangenehmen, fauligen Geruch, der auch mit dem Zerreiben von Erfrischungstüchern nicht wegzubekommen war. Wilhelm hielt stets die Fenster tagelang geschlossen, um Tods blumiges Zimmer nicht zu gefährden, wenn eine der Pflanzen wieder einmal zu lange des Morgens geharrt hatte.

Böses Erwachen

Vielleicht war es auch Wilhelm, der zuerst das Elend in Tods Haus entdeckte. Die Dinge schienen sich stündlich zu ändern.

Wilhelm schlurfte daher noch recht verschlafen in seinem seltsamen, nostalgischen Morgenrock aus dem Stall. Er bewohnte nämlich darüber eine kleine Wohnung zwischen duftenden Heu und stichigen Strohballen, die ihn so manches Mal zur Verzweiflung brachten. Vor allem wenn sie in ihren letzten Zügen schrieen, als sie unter Zottels Hufen zerknirscht und zerschmettert wurden. Aber na ja, Wilhelm hatte sich daran gewöhnt und auch an das Tapsen der Mäuse über den Holzboden. Manchmal lauschte er sogar den Geschichten der Holzwürmer, die zwar so uninteressant wie dreckige Strümpfe waren, jedoch reichte es für eine Gute-Nacht-Geschichte, die er als Kind nie bekam.

Also, Wilhelm schlurfte, wie bereits erwähnt, zum Haus und stieg die Stufen empor. Er stand verwundert vor einer offenen Haustüre, was er doch sehr bedenklich fand. Als er sah, wie das Haus zugerichtet war, stockte sein Atem, wie ein alter stotternder Motor. Er ging in die Küche und setzte sich bewegungsunfähig in schierem Entsetzen auch noch auf einen der gefesselten Stühle, der untern seinem Gewicht knarrte und ängstlich zitterte, dass sich die Stuhlbeine bedrohlich in alle Richtungen bogen.

Wie lange Wilhelm dem Zustand tatenlos zugesehen hatte, war nachher nicht mehr herauszufinden, da die Zeit auch an diesem Tag ihrer Sturheit alle Ehre machte. Jedoch war er schon weit voran geschritten, die Sonne knallte in einer winterlichen Hitze vom Himmel, dass man ab und an ein paar platschende Tropfen hören konnte. Nach einiger Zeit erklangen scheppernde Glöckchen und schwere, knirschende Geräusche durchfurchten die Stille, die, je näher die Geräusche kamen, immer runzliger dreinblickte. Tatsächlich kam alsbald das Ross um die Ecke, hinter sich herziehend den Pferdeschlitten, in dem eine noch vergnügte Knochin und ein den Umständen entsprechend glücklicher? Tod saß.