Tods
Haus uns seine Geschichte....
Wie man
weiß, ist der Tod ein sehr einsamer Mann. Seine einzigen Interessen
liegen in seinem Garten, mit der toten Erde, den er mit Hingabe hegt
und pflegt und natürlich in seinem schwarzen Ross. Dessen Namen
kennen leider nur die wenigsten Leute, denn bevor sie fragen konnten,
hatte der Tod sie ja längst mit sich genommen. Der Tod wohnt in
einem sehr kleinen gemütlichen Haus, was für den Beruf des
Todes eigentlich eher ungewöhnlich ist, denn man stellt sich sein
Heim irgendwie tödlich vor. So mehr in Richtung einer depressiven
Verstimmtheit. Wände, die nach einem fassen, wenn man ihnen zu
nahe kommt oder das Flüstern längst gestorbener Menschen,
deren unglückliche Seelen immer noch herumgeistern und von den
Wänden widerhallen. Nein, bei ihm ist es sehr gemütlich und
seit dem wir uns Nachts im Sommer begegnet sind, besuche ich ihn öfter
und zwar meist mit meiner Freundin der Knochin, denn Knochen verbinden
wie man weiß. Na ja, der Tod und die Knochin haben sich gesucht
und gefunden. Anscheinend bahnt sich da eine Romanze an. Unglaublich,
der Tod und die Liebe. Da dringt wohl wieder die Sehnsucht nach Menschlichkeit
durch.
Aber zurück
zu Tod's Leben und seinem Zuhause. Sehr beschaulich ist seine ganze
Einrichtung, denn er besitzt einen sehr ausgeprägten Geschmack
und ist zudem ein Schöngeist, wie man ihn nur selten findet. Sein
Haus hat nicht viele Zimmer und es ist zwar einfach eingerichtet, besonders
weil Tod aufgrund seines Berufs viel unterwegs ist und meist hat er
wenig Gäste. Man ist ihm eher scheu und ängstlich gegenüber,
aber eigentlich nur so lange, wie man ihn noch nicht kennt. Als ich
ihn zum ersten Mal traf ging es mir nicht anders, er stellte für
mich eine Bedrohung dar, etwas unantastbar Finsteres hatte er an sich.
Und aus welchem Grund er an diesem einen Abend zu mir Vertrauen fasste,
ich weiß es bis heute nicht.
Wieder
zurück zu seinem Haus. Wenn man sein Haus betritt, steht man direkt
in der Vorhalle. Seltsamer Weise gibt es im Haus keine Treppen, es sieht
zwar von außen quadratisch aus, jedoch sind die Räume eher
kreisförmig angeordnet, manchmal weiß man auch nicht, wohin
die nächste Türe führt, aber irgendwann hat man das System
raus. Fangen wir mal mit der Küche an, die der Haustür auf
der linken Seite am Nächsten liegt. Sie ist klein, eng und es riecht
eher muffig darin. Denn Tod scheint nicht wirklich ein begnadeter Koch
und Esser zu sein. Mehr Schein als sein sozusagen.
Auf der
rechten Seite befindet sich das Wohn- und Kaminzimmer. Es ist dunkel,
aber bequem eingerichtet mit einem schönen großen verußten
Kamin, der bedächtig schon einige Jahrhunderte überlebt .
Auch die Möbel scheinen aus einer altertümlichen Zeit zu stammen.
Es gibt Ohrensessel in dunkelgrüner Farbe, die ein Wenig angestaubt
wirken, aber nur auf den ersten Blick. Sobald man sitzt, beschleicht
einen der Gedanke, nicht mehr woanders hinzuwollen. Man versinkt regelrecht
in ihnen. Sie üben eine hohe Anziehungskraft auf einen aus.
In dieser
Art und Weise gibt es einige Sitzgelegenheiten, jedoch alle zueinander
passend. Ansonsten gibt es dort keine Regale, sondern nur Schränke.
Die sich von selbst öffnen oder schließen, wenn man vor ihnen
steht und etwas verlangt. Wie gesagt, befindet sich dort drin auch nur
das Nötigste. Falls, was sehr selten vorkommt, Gäste kommen.
Tod sitzt in seiner freien Zeit zwar oft hier und liest ein Buch, aber
er ist nicht sehr anspruchsvoll, fühlt sich jedoch wohl in dieser
Umgebung. Wenn man den Blick weiter schweifen lässt, tauchen urplötzlich
hier und da ein paar knochige Figuren in Form von Gemälden an den
Wänden auf. Die, sobald man den Blick von ihnen nimmt, in eigenartiger
Weise mit der Wand zu verschmelzen scheinen. Die Wände sind mit
Vorsicht zu genießen, vor allem wenn sie schlechte Laune haben.
Sie bestehen aus kahlen Steinen, die immer wieder anders aussehen, wie
gesagt, je nach Laune. Tod hat es mal mit einer Tapete versucht, so
im 70er Jahre Stil, aber die Wand hat sie aufgefressen.
Die Gemälde
zeigen somit Tods Verwandtschaft, obwohl ich noch niemals jemanden davon
zu Gesicht bekam. Laut Tod ist sie auch eher scheu und zurückhaltend,
er selbst mag die Einsamkeit und legt nicht besonderen Wert auf sie,
weil sie ihn ständig bedrängen, da er ja immer noch Junggeselle
ist.
Noch zu
erwähnen wäre die Eigenwilligkeit der Fenster, von denen es
im Haus nicht grad sehr viele gibt. Denn tritt man zu ihnen, um vielleicht
herauszuschauen, hört man sie ständig flüstern und schwätzen.
Ein regelrechtes lautes Murmeln mit unzähligen Stimmen. Aber das
ist noch nicht alles, der wirkliche Eigensinn besteht nunmehr darin,
dass sie den Blick nach außen so gestalten, wie es ihnen gerade
Freude bereitet. Dann tuscheln sie aufgeregt miteinander und man kann
nie sicher sein, was man erblickt, denn zwischen Trugbild, Illusion
und Wirklichkeit besteht meist kaum ein Unterschied.
Zu dem
besitzen auch die gesamten Möbel im Haus noch ein paar Besonderheiten.
Wenn man sich mit einem Möbelstück näher befasst, fällt
einem auf, dass es meistens an der selben Stelle steht, insofern man
nicht neueingerichtet oder umgestaltet hat. Aber diese natürlichen
Gesetze herrschen in Tods Haus nicht, da hat jedes Möbelstück
seine eigene Persönlichkeit und seine eigene Auffassung, wo es
zu stehen hat. Und wenn es ihm gerade mal wieder langweilig ist, fährt
es schon mal seine in sich versteckten knubbeligen Füße aus
und platziert sich neu oder vertritt sich einfach mal die Beine. Noch
habe ich nicht den Trick erkannt, wie sie das machen. Entweder man kommt
gerade herein und es herrscht noch ein regelrechter Stuhlverkehr oder
es sieht schon alles ganz anders aus. Das meinte ich auch damit, dass
man nie weiß, was sich hinter der Tür verbirgt, die man in
völligem Leichtsinn und Unbedachtheit öffnet.
Direkt
gegenüber der Haustür befindet sich das Esszimmer, damit verhält
es sich ähnlich wie mit der Küche, das dient auch in keiner
Weise dem wohlbekannten Zweck. Hier findet sich ein langer Tisch, ein
paar Regale und Schränke, mehr oder minder wie im Wohnzimmer. Über
dem Tisch hängt ein großer, schwerer Kronleuchter. Natürlich
aus einzelnen Knochen und Schädeln gemacht. Man merkt auch hier
wieder, dass der Möblierung schrecklich langweilig ist, da sie
ja selten zum Einsatz kommt. Deshalb herrscht dort absolut keine Ordnung
mehr. Der Kronleuchter ist sogar öfter betrunken und singt unkeusche
Lieder, als das er den Raum beleuchten würde.
Hinter
dem Esszimmer führt ein langer kreisförmiger Korridor durch
die hintere Hälfte des Hauses und endet in Tods Schlafzimmer. Als
ich das erste Mal dieses Zimmer betrat, war ich mehr als erstaunt, denn
es entsprach nicht im Geringsten meinen kühnsten Vorstellungen.
Dass hier etwas anders war, bemerkte man sofort. Es war einfach normal,
nicht düster, nicht knochig, sondern sehr menschlich. Ein hoher,
heller, lichtdurchfluteter Raum, der gütig und warm wirkte. Mit
hellen Vorhängen, schweren Teppichen, die jeden Laut verschlangen,
ein Eichenschrank, wo er seine Kutten aufbewahrte, denn mehr besaß
er nicht. Das war wohl auch der Grund, warum er manchmal etwas zerschlissen
und mufflig schien.
Darüber
hinaus stand im Zimmer noch eine Kommode mit einer Menge Familienphotos,
unter anderem Tod als kleines entzückendes Kind. Das Bett war groß,
so ähnlich wie man es sich von Königen vorstellt, mit mehren
Schichten Laken, Decken und Kissen. Obwohl ich denke, dass Tod nicht
unbedingt Wert auf Bequemlichkeit legt. Neben dem großen Schrank
stand auch ein Gestell, in dem die Sense, auf Hochglanz poliert, ihren
Platz einnahm. Was mir jedoch auffiel, war der Geruch im Zimmer, weder
kalt noch tödlich, sondern sogar sehr blumig. Im gleichen Moment
sah ich damals einen großen duftenden Blumenstrauß direkt
auf einem Tisch neben seinem Bett stehen. Überall im Zimmer hingen
allerlei Mitbringsel der Menschen aus verschieden Jahrhunderten. Und
wieder beschlich mich das Gefühl, dass er sich mit seinem Schicksal
unwohl fühlte.
Genau in
der Mitte des Hauses befindet sich die Bibliothek und sie ist nur durch
Tods Schlafzimmer zu erreichen. Die Bibliothek ist wieder in den dunklen
Farben der andern Zimmer gehalten. Endloserscheinende Bücherregale
reichen meterhoch in den Raum, der kaum ein Ende findet. Im Zimmer ist
es trüb, denn die Regale tilgen alles Helle. Lediglich weit oben
bildet eine Glaskuppel den Abschluss des Hauses und ein schmaler Lichtstrahl
dringt nach unten. Von außen wirkt das Haus sehr flach, denn es
gibt nur das Erdgeschoss und erreicht wirklich nie diese Höhe.
Einen Keller besitzt Tods Hütte ebenfalls nicht. Nicht zu vergessen
ist der Stall von seinem Ross, ein gewöhnlicher Stall wie jeder
andere, der zur Linken des Hauses zu finden ist. An der rechten Seite
des Hauses erstreckt sich der Länge nach der Garten. Er ist verwildert,
mit versteckten Ecken und einer moosbewachsenen Mauer, die ihn umschließt
und begrenzt, denn auch er beherbergt ein reges Innenleben.